Wie eng wird überholt?

Quelle: Hendrik Lehmann, Facebook

Ab 30. August 2018 haben 100 freiwillige Radfahrerinnen und Radfahrer zwei Monate lang gemessen, wie eng sie von Autofahrern in Berlin überholt werden. Dabei kamen 13.300 km zusammen. 16.700 Überholmanöver von Autos, Lastern, Bussen und Rollern wurden dabei gemessen. 9.402 mal wurde zu eng überholt. Die erste Analyse der Ergebnisse liegt nun vor.

Die Geschichte zur Idee des Berliner Abstands-Radmessers hat Hendrik Lehmann im Facebook geschildert. Diesen Text habe ich unten zitiert.

Es war vollkommene Selbstüberschätzung.

Von Hendrik Lehmann im Facebook.

Da sagten irgendwann um diese Zeit letztes Jahr Michael und David zu mir: „Hendrik, wir wollen mal mit dir reden.“

Sie tischten mir dann diese wahnwitzige Idee auf, mit Sensoren und Smartphones zu messen, wie eng Radfahrer*innen von Autos überholt werden. „Ihr spinnt doch“, sagte ich kurz. Und dann, nach einigen weiteren Nächten von durchgerührten Ideen, Verwerfen und Rumüberlegen, sagte ich: „Es wäre eine der besten datenjournalistischen Geschichten, die man derzeit machen könnte.“

Irgendwie bekamen wir dann Geld zusammen (1000 mal Danke ans Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ)). Und als ich meinen Chef Lorenz Maroldt fragte, was er davon hält, sagte er: „Eine lebensrettende Maßnahme. Machen wir.“

Was ab dann geschah, gleicht für mich mehr einem Film denn Real-Life. Eigentlich gab es nur Probleme…

Denn was wir uns da vorgenommen hatten, war mehr, als drei Menschen leisten können in sieben Monaten. Es stellte sich ziemlich schnell als unmöglich heraus. Unmöglich zumindest für drei Leute… Wir waren aber keine drei. Da waren nicht nur die für mich bis heute einschüchternden Intellekte von David und Michael, zwei Quantenphysiker, die erst bei ernsthaft schwierigen Problemen überhaupt anfangen Spaß zu haben.

Da waren plötzlich Menschen, die einfach sagten: Wir helfen euch, das ist wichtig. Da kam Jakob Kluge an, der einfach mitmachen wollte und uns mindestens drei Mal den Arsch gerettet hat. Da war Helena, die einfach bei allem geholfen hat, in zwei Tagen Löten lernte und noch spät Abends mit ihrem lieben Boyfriend Manuel vor Netflix Schaltungen zusammengelötet hat. Fabian Altenried, der unermüdlich Gif-Charaktere designte. Ekkehard, der dieses verrückte horizontale User Interface programmierte. Hannes, der ausdauernd alle Behörden durchtelefonierte und einfach sehr gut schreibt. Andreas Baum, der plötzlich in unser Team stieß und gar nicht mehr wegzudenken ist. Da waren die verrückten Bastler vom MotionLab.Berlin, die uns kostenlos ihre Werkstätten zur Verfügung stellten.

Da waren Sidney Gennies und Fabian Bartel, die das Ganze innerhalb weniger Tage zu einer sehr schönen Print-Geschichte gemacht haben, Hans Hack und Martin Baaske, die uns grafisch noch mal richtig nach vorne gebracht haben.
Da waren Ingrid Müller, Markus Hesselmann, Christian Tretbar, Ruth Ciesinger, Thomas Weyres, Björn Seeling, Julia Weiss, Judith Langowski und Nadine Voß, die uns unzählige Male geholfen haben. Da waren all die Freundinnen und Freunde, die ständig mitüberlegt haben und einfach da waren, allen voran die fantastischste Julia Gabel.
Und da waren 100 Freiwillige, die ihre Zeit spendeten, um zwei Monate lang mit unseren Sensoren durch Berlin zu fahren, von 20-78 Jahre alt, alle überraschend nett.
Durch all diese Leute ist es doch passiert: Wir haben so detailliert wie noch nirgends, gemessen, wie eng die Autos in Berlin die Radfahrer*innen überholen. Wie wenig Sie sich darum scheren, wie sie anderen die Stadt wegnehmen. Wie sie damit verhindern, dass sich auch Schwächere in Berlin aufs Rad trauen. Und wie gleichgültig das die Polizei lässt, die selbst eher auf Radwegen parkt als asoziales Verhalten von Autofahrern zu sanktionieren.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sind nun in einer interaktiven Geschichte zu sehen, auf die ich wirklich stolz bin: https://interaktiv.tagesspiegel.de/radmesser/kapitel7.html

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