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#AC2106 – zwischen Gänsehaut und Zeitenwende

Climate Justice without borders – United For a Future“ war das Motto des internationalen Streiktags von FridaysForFuture in Aachen. Was als ein internationales Aktionstreffen der Klimastreik-Bewegung geplant war, wuchs sich aus zu einer beeindruckenden Demonstration der jungen KlimaschützerInnen. An diesem Streiktag ist geradezu historisches geleistet worden.

Am Ende eines Demo-Tages ist es diese eine Zahl, die sich so wichtig macht. Denn sie wird durch die Medien vor allen weiteren Informationen verbreitet: Wie viele TeilnehmerInnen sind es gewesen? Eine Ursache für diese mediale Informationsverstümmelung liegt darin begründet, dass mit Zahlen den JournalistInnen und Medienbeschäftigten etwas an die Hand gegeben wird, um derartige Ereignisse scheinbar objektiv zu erfassen.

Welche Emotionen und Anspannungen dagegen auf den Verantwortlichen und den Organisierenden lasten, ist von außen nur selten wahrnehmbar. Ein solcher Moment, an dem die Gefühle herausbrechen, war am Freitag in Aachen gegen 15:15 Uhr zu erleben. Zu diesem Zeitpunkt bekam das Team von FridaysForFuture bei der Vorbereitung auf die Pressekonferenz die ersten Schätzungen von der Polizei mitgeteilt. 35.000 – so hieß es zu dem Zeitpunkt. Da musste auch einmal die Freude herausgebrüllt werden, ehe den Menschen um Luisa Neubauer auf einmal klar wurde, was dies gesellschaftspolitisch bedeutet. Denn mit dieser Zahl hat sich nicht nur eine neue Massenbewegung seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Hier erwächst auch eine Generation an jungen Menschen, die früh Verantwortung übernehmen wollen – und jetzt auch wohl müssen.

Sprung zurück um drei Tage: Am Dienstag Abend saßen die Scientists4Future in einer Kneipe in Aachen zusammen und beschäftigten sich mit dem üblichen Orga-Kram, den eine Demo so mit sich bringt. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Gruppe bereits im Planungstunnel.  Die Liste der zu verteilenden Aufgaben war abendfüllend und stand damit der Liste der ungeklärten Fragen in nichts nach. Alles, was gemacht werden musste, geschah mit dem typischen, zweckdienlichen Maß an Professionalität, das Außenstehende schlichtweg als chaotisch bezeichnen würden. Doch für alle Probleme fand sich eine Lösung und zwischendurch mäanderte der Diskurs in fernere Gefilde, wo nochmals große Grundsatzfragen durchgekaut wurden.

Und auch hier stand die Frage wie der berühmte weiße Elefant im Raum: Wie viele werden kommen? Selten wurde die Erwartungshaltung konkret benannt, eher verdruckst hinter organisatorischen Problem als da waren: Wie lange muss man auf dem Bürgersteig stehenbleiben, wie groß muss die Beschallungsanlage sein, damit die RednerInnen zu verstehen sind? Es lief, wie es eben so läuft kurz vor Show-Time ohne Generalprobe, der berühmte Salto Mortale ohne Netz und doppelten Boden. Und es lief erstaunlich gut. Denn allen war klar: Es muss gut werden am Freitag.

Am Freitag morgen stellten dann die Scientists4Future einen von vier Demogruppen, die sich zu einer großen Demo vereinigen sollten auf dem Weg durch die Aachener Innenstadt zum Tivoli. Startpunkt der S4F-Gruppe war standesgemäß vor dem CARL der RWTH Aachen. Die üblichen Diskussionen mit Hausmeistern und Polizei verliefen pragmatischer, als noch vor zwei Tagen befürchtet. Durch das Twitter-Universum fliegt ein Tweet: „Tausende Kinder und Jugendliche werden heute das erste Mal mit der Polizei direkt zu tun bekommen. Dieser Eindruck wird prägend sein.“ Die Aachener Polizei schien – für diese Demo – mitgelesen zu haben und agierte auch im weiteren Verlauf dementsprechend zurückhaltend.

Und spätestens um 11 Uhr, als die zugewiesene Demo-Fläche vollläuft mit jungen Menschen, hat man das erste Mal das Gefühl bekommen: Das wird heute gut!

Die skeptischen Blicke, die noch 30 Minuten vorher in den Gesichtern des Orga-Teams zu erkennen gewesen waren, waren da bereits verschwunden. Die Musik lief, das RednerInnen-Programm lief, und die Menschen strömten herbei, so dass die Polizei die Straße absperren musste. Lautstark waren die Ansagen der FridaysForFuture aus den Megaphonen und Lautsprecherwagen zu hören. Allmählich wurde klar, dass die Züge nach Aachen derart voll mit TeilnehmerInnen waren, dass sich deren Anreise infolgedessen erheblich verzögerte. Die Vorfreude auf die Demo wuchs von Minute zu Minute.

Um 12.30 Uhr war es dann so weit: Der Demo-Schweif der Scientists4Future macht sich mit lautstarker Unterstützung der FridaysForFuture auf den Weg. Doch ist so etwas noch Demo oder schon Protest-Happening? Dank des Internets sind die Gesänge, Parolen und Choreographien längst allen bekannt und wirken wie perfekt einstudiert. Am ehesten lässt sich so ein FridaysForFuture-Demozug noch mit den Fankurven-Gesängen in Fußballstadien vergleichen, wo man niemandem mehr erklären muss, wann die Welle kommt, wann gehüpft wird oder welche Antwortgesänge nun anzustimmen wären.

Es gab keinen Moment der Ruhe auf dem Weg zum ersten Treffpunkt und die engen Straßen verstärkten die Megafon-Parolen zusätzlich. Die üblichen Passanten zückten die üblichen Smartphones und filmen, üblich verdutzt. Verdutzt ließ sich in diesem Augenblick die Erkenntnis festhalten, dass die Aufforderung zum Einreihen in den Demozug seit mindestens 50 Jahren unverändert gerufen wird. Auch die Melodie von ‚Spann den Wagen an‘ wird magisch von Generation zu Generation weitergegeben, damals eben ‚Atom‘, heute halt ‚Kohle‘.

Und dann der erste große Gänsehaut-Moment, als sich die beiden ‚kleineren‘ Demo-Züge an einer unspektakulären Kreuzung in der Aachener Innenstadt begegneten. Die jungen Ordner versuchten, das Zusammenführen möglichst reibungslos abzuwickeln. Absprachen waren nötig und so standen die Köpfe beider Schweife einige Minuten im Halbrund, während mehrere tausend Menschen von hinten weiter herandrängten. In diesen viel zu kurzen Minuten ließ sich erspüren, welche Energie an diesem Tag in den Menschen steckte, wie stark die Kraft ist, die die jungen KlimaschützerInnen in diesem politischen Kampf antreibt.

Dann fluteten die Gruppen zu einem Zug zusammen, die Straße war kaum noch in der Lage, die Demonstrierenden zu fassen, die nun wie ein Strom zwischen parkenden Autos und den Bistro-Stühlen der Außengastronomie hindurchfloßen. Die Beschallung aus den Lautsprecherwagen schien sich nochmals zu verstärken, während die Ordner immer wieder das Tempo herausnahmen aus der Schrittgeschwindigkeit, um nicht zu schnell am zweiten Treffpunkt zu stehen.

Nach gut einer Stunde war es dann soweit. Und auch an der zweiten Kreuzung standen die beiden Demo-Züge für einen energiegeladenen Moment rechtwinklig zueinander. Polizei und Ordner drängten sogar zu einem Rückschritt-Manöver, um ein reibungsloses Zusammenführen der Schweife zu gewährleisten. Doch der Sog, nach vorne zu gehen, war derart stark, dass nach kurzer Wartezeit die beiden Züge ineinander flossen, um sich, so breit es ging, den Hügel hinauf zur Krefelder Straße Richtung Tivoli zu schieben. Und auf dem Weg hinauf zum Hügel, da verriet der Blick zurück in die Innenstadt: Das wird heute richtig gut!

Der Anstieg zog sich und bot die Möglichkeit, die Masse der Menschen in Smartphone-Fotos zu bannen. Auffällig waren die Gruppen von Kindern, die von ein oder zwei Erwachsenen begleitet waren, Familien, Nachbarschaftsgruppen, Schulklassen, dazwischen junge AntifaschistInnen und grauhaarige Anti-AKW-Veteranen, eben eine bunte Zivilgesellschaft, die Carlo Schmidt, Rudi Dutschke und Jürgen Habermas wohl nur in kühnsten Träumen vor Augen gehabt hatten.

Unwillkürlich suchte man nach einem Ende des Zuges, der sich aber nicht erblicken ließ, egal, wie nah man der Hügelkuppe auch kam. Und dann – der zweit Gänsehaut-Moment, als der Blick hinunterging in die Soers bis hin zum Tivoli, als in der Ferne der Kopf des Demozuges im Dunst zu verschwinden schien. Ein geradezu ikonisches Bild, das einem schlicht den Atem verschlug: Wie zum Teufel haben es diese jungen Menschen geschafft, innerhalb weniger Monate eine derartige Massen-Orga auf die Beine zu stellen? In der Ferne waren große Transparente zu erkennen, die an Seilen von Brückenkonstruktionen hingen, deren Schrift aber noch zu klein war, um den Text zu entziffern.

Immer mehr Menschen kamen über die Hügelkuppe und liefen hinunter in die Ebene. Dieser Anblick war das Foto des Tages, dass tausendfach durch die sozialen Medien geschickt wurde. Denn das war verdammt gut!

Zwei Gedanken blitzten in diesem Moment auf. Zum einen die Sicht auf die tausenden Kinder und Jugendlichen, die sich hierher auf den Weg machten – und die zum ersten Mal als Bürgerinnen und Bürger ihr Recht auf politische Meinungsäußerung wahrnahmen. Jener Moment, an dem sie das erste Mal politisch aktiv geworden sind, wird mit diesem unfassbaren Blick hinunter auf die Menschenmenge verbunden sein. Und zum zweiten hat dieses Bild natürlich das Potential, sich als Ikone einer Machtdemonstration in das kollektive Gedächtnis der bürgerlichen Zivilgesellschaft einzubrennen – wie die Bilder aus den Zeiten der Anti-Akw-Demonstrationen und der Friedensbewegung.

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Vor dem Stadion wartete die Demo-Bühne. Davor ausgelassene Festival-Stimmung. Die Menschen lagen vor den hohen, gelb-schwarzen Tribünen des Alemania-Heimstadions. Langsam wich die Energie einer zufriedenen Erschöpfung. Die Anspannung fiel sichtbar ab und die ersten Menschentrauben bewegten sich wieder zurück in die Innenstadt. Um die Bühne die übliche Hektik bei den Wechseln der RednerInnen und Bands. Eine Pressekonferenz wurde gegeben und eine Zahl verkündet. Die Bilder gingen seither durch das Internet-Universum, liebevoll gestaltete Parolen auf Pappschildern erfreuen die Welt und viele tausend Kinder und Jugendliche werden mit dem Erlebnis nach Hause gehen, dass die Straße eine riesige politische Kommunikationsplattform ist.

Auf dem Weg zurück in die Aachener Innenstadt plärrten zahlreiche Lautsprecherwagen ihre Musik über die breite Straße. Rasch wurde die Arbeitsbelastung der Aachener Polizei genutzt, um ein Haus an der Demo-Route zu besetzen. Abschied wird genommen – auch von einem Tag, der fucking awesome war.

Am Ende wurden über 40.000 gezählt. Glückwunsch, FridaysForFuture. Und Willkommen im Machtkampf um die Art und Weise, wie wir in Zukunft leben wollen. Denn ab jetzt wird Euch keiner mehr unterschätzen. Und auch dafür war dieser Tag gut.


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