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„Die letzte Schlacht …“

Warum werden Greta Turnberg und die FridaysForFuture-Bewegung in der Öffentlichkeit immer wieder ohne jedes Maß attackiert? Eventuell ist nicht der Hass die Ursache dafür, dass nicht nur im Internet hinter der Maske der Bürgerlichkeit die Fratze der Unmenschlichkeit zum Vorschein kommt.

Die Liste der heißblütigen Gegner der neuen jungen, weiblichen und kreativen Umweltbewegung füllt sich im wesentlichen mit gutsituierten, weißen Männern an den Schalthebeln der Macht, denen man mindestens ein blindes rechtes Auge attestieren muss. Denn nicht nur die AfD ist von der ‚Greta‘-Obsession getrieben. In dem illustren Kreis finden sich FAZ-Leitartikler, Zeitungs-Verleger, FDP-Parteivorsitzende, SPIEGEL-Kolumnisten und natürlich auch die rechten Verschwörungsfreunde von der Achse des Guten.

Natürlich geht es all diesen Menschen nicht um die Lücken, die die Fehlstunden im Allgemeinwissen der Klimastreikenden hinterlassen könnten. Denn zu so unwesentlichen deutschen Detailproblemen wie dem Lehrermangel und der chaotische Bildungspolitik hört man von den laut lamentierenden Personen selten einen konstruktiven Beitrag. Das elende Hick-Hack um 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur ist ein Paradebeispiel für die Schulpolitik rechtsliberaler Ideologen ohne Sachverstand.

Nein – was aus den teilweise deutlichen Hasstiraden gegen die Kinder und Jugendlichen heraus spricht ist in erster Linie eine tiefgreifende Kränkung. Darauf weist Maximilian Probst in seinem ZEIT-Artikel hin

„Umso schwerer ist zu schlucken, dass der Mensch tatsächlich so dumm sein konnte, seinen Heimatplaneten Erde so weit aufzuheizen, dass ihm in der Folge die Lebensgrundlage abhandenkommen könnte.“

Probst greift auf Veröffentlichungen von Reiner Klingholz zurück und erläutert weiter: Nach der kopernikanischen Entdeckung (Mensch ist nicht Mittelpunkt des Universums), der Entdeckung Charles Darwins (Mensch steht in enger Verwandtschaft zum Affen), und der Freudschen Diagnose (Mensch ist weitgehend von Trieben gesteuert) stellen wir nun die Überlebensfähigkeit des Menschen in Frage:

„Die vierte Kränkung schließlich bedeutet, dass wir, ungeachtet aller technischen Möglichkeiten, die Natur nicht in einem Zustand erhalten können, der uns gewogen wäre.“
Reiner Klingholz, Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung

Diese vierte Kränkung ist relativ frisch und daher noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen. Dennoch wühlt sie auf und erzeugt vor allem Schuld und Scham angesichts dieses Versagens.

Schuld und Scham sind natürlich keine neuen Gefühle. Jedoch ist nicht jeder bereit, sich mit diesen Empfindungen reflektiert-kritisch auseinander zu setzen. Diese Unfähigkeit zeichnet aber gerade die Personen aus, die sich in harten Machtkämpfen an die Position geboxt haben, von der aus sie die neuen Protestbewegungen rhetorisch in Grund und Boden kartätschen. Auf diesen Beobachtungsposten selbverliehender Weltweisheit sind Gefühligkeiten ein Zeichen von Schwäche. Dementsprechend muss jedem Anflug einer derartigen Regung mit einem präventiven Akt der Vorneverteidigung begegnet werden.

Insbesondere der Rückgriff auf Begrifflichkeiten, die aus dem Kontext des Faschismus bzw. Nationalsozialismus entlehnt sind, machen deutlich: Hier geht es nicht mehr um eine Debatte, hier wird eine Schlacht geschlagen zur Verteidigung einer im Zerfall befindlichen Weltansicht. Und so lassen es die Herrn (und wenigen Damen) kräftig krachen in Leitartikeln, Talkshows, Blogs und Festzeltreden.

Zwei Dinge vergessen sie aber, die von ihren Schuld- und Schamgefühlen getrieben sind. Zum einen entlarven sie sich in Gestus und Rhetorik als Zuckungen einer Epoche im Untergang. Zum anderen mangelt es ihnen an popkulturellem Grundwissen – denn natürlich endet die Textzeile so:

„Die letzte Schlacht gewinnen wir!“
Rio Reiser, Ton Steine Scherben (1972)


Auch sehr beliebt: Fakenews und Fake-Fotos. Hier ein Beispiel bei focus.de…

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