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Gaskraftwerk

Die Rückkehr der Monster

Gasbohren und Fracking erinnern an den Widerstand gegen fossile Infrastruktur aus einer zurückliegenden Zeit. Doch aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Diese Monster waren nie ganz verschwunden, wir haben sie nur aus unserer Wahrnehmung verdrängt.

Seit der Rechtsänderungen im Wasserhaushaltsgesetz vom 11. Februar 2017 ist die Ausbeutung von Gasvorkommen über Fracking in Deutschland nicht zulässig. Dies war ein großer Erfolg der Zivilgesellschaft, die in zahlreichen Aktionen insbesondere auch im Münsterland auf die Gefahren von unkonventioneller Gasförderung hingewiesen hat.

Dass in anderen Teilen der Erde diese Risikotechnologie massenhaft eingesetzt wird, daran erinnerte in diesem Jahr ein Nature-Artikel, der die ersten Ergebnisse des neuen Erderkundungs-Instruments zu Messungen von Erdgas und Stickoxiden in der Atmosphäre (TROPOMI) auswertete. Die Autoren stellen darin fest:

„Die Förderung von Öl und Erdgas in Nordamerika befindet sich aufgrund von Entwicklung und Einsatz von Horizontal-Bohrungen und Fracking auf einem neuen Höchstwert. (…) Im Permian-Becken in Texas und New Mexico weisen Methan-Daten ein Maximum auf über Regionen mit der intensivsten Erdgas-Produktion.“
de Gouw, J.A., Veefkind, J.P., Roosenbrand, E. et al. Daily Satellite Observations of Methane from Oil and Gas Production Regions in the United States. Sci Rep 10, 1379 (2020).
https://doi.org/10.1038/s41598-020-57678-4

Es dauerte nur wenige Wochen, bis die Medien mit Verweis auf weitere Untersuchungen der TROPOMI-Daten von neuen Methan-Quellen in bisher unbekannter Größenordnung berichteten. Die AutorInnen lesen aus ihren Daten, dass 3,7 Prozent der Erdgasproduktion im Permian-Becken in die Atmosphäre emittiert wird, was der doppelten Menge der offiziellen Zahlen der US-Umweltbehörde EPA für diese Region entsprechen würde.

Rückblick in das Jahr 2014. Das IPCC veröffentlicht seinen Synthesebericht zu den Klimaänderungen, in dem auch auf die Herausforderungen bei der Abschätzung der Auswirkungen von Methan auf den Klimawandel hingewiesen wird. Die AutorInnen sehen über einen Zeitraum von 100 Jahren dieses Spurengas als 28 mal wirksamer bei der Erderwärmung als CO2, obwohl es mit 12,4 Jahren nur eine kurze Lebensdauer in der Erdatmosphäre aufweist .

Lediglich in dem Extremszenario RCP 8.5 mit einer prognostizierten Temperaturerhöhung zwischen 3,2 und 5,4 °C setzen die WissenschaftlerInnen einen starken Anstieg der Methan-Emissionen an. Alle anderen Modell sehen einen leichten Anstieg bzw. ein Absinken bis zum Ende dieses Jahrhunderts voraus .

Vergleich beobachteter Methan-(CH4-)-Konzentration (Observations, schwarz) mit verschiedenen IPCC-Projektionen; Quelle: Saunois et al. 2016, ERL Global Carbon Project

Zwei Jahre später wird im Rahmen des Global Carbon Projects die Studie ‚Methane Budget 2016‚ veröffentlicht. Die AutorInnen weisen darauf hin, dass in den letzten Jahren der Anstieg von Methan stark zugenommen hat:

„Im Gegensatz zu CO2 steigen die Konzentrationen von Methan in der Erdatmosphäre schneller an als zu jedem anderen Zeitpunkt in den letzten 20 Jahren und verlaufen nach 2014 auf dem Pfad der Treibhausgas-intensivsten Scenarios.“
M. Saunois et al 2016 Environ. Res. Lett. 11 120207

Wo im Jahr 2016 also noch Unklarheit herrschte über die Herkunft der Methan-Emissionen und wissenschaftliche Papiere sich in zaghafter Ursachendeutung versuchten, sieht man heute Dank des wissenschaftlichen Fortschritts klarer.

Globale Methan-(CH4-)-Konzentration in der Atmosphäre; Quelle: Ed Dlugokencky, NOAA/ESRL www.esrl.noaa.gov/gmd/ccgg/trends_ch4/

Die Auswirkungen der Umwelt-Monster Gasbohren und Fracking sind nicht zu übersehen. Ende 2019 hat die Methan-Konzentration einen Höchstwert von 1874,7 ppb (Teilchen pro 1 Milliarde Teilchen Luft) erreicht. Der beschleunigte Anstieg wird insbesondere verdeutlicht in den Datenreihen langfristiger Messungen von Spurengaskonzentrationen in der Atmosphäre .

An dieser Stelle zitieren wir die Redaktion des Klimareporters:

„Wenn die Methankonzentration in der Atmosphäre weiter wie bisher steigt, dann ist das Ziel des Pariser Klimavertrags, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, in Gefahr.“
Sandra Kirchner. 01.06.2019

Aus gutem Grund ist nicht mal mehr von der 1,5°C-Erhöhung die Rede. Seither ist wieder ein Jahr klimapolitischen Versagens ins Land gegangen.

Epilog

Aus den Untiefen des Internets soll am Ende dieser Faktendarstellung ein Zitat aus der ZEIT nicht unterschlagen werden:

„Seit 2007 erlebt das Land einen Gasboom. Eine eigentlich alte, aber erneuerte Fördermethode – das sogenannte Fracking – erlaubt es seither, zuvor unerreichbares Gas aus dem Untergrund herauszuholen. Die Mengen scheinen so gewaltig, dass Vertreter von Industrie und Politik, Wissenschaft und Wall Street das neue Gas als den Stoff bezeichnen, der die USA von Grund auf verändert.“
DIE ZEIT: Amerika im Gasrausch, Christian Tenbrock und Fritz Vorholz, 07.02.2013

Die USA haben sich seither tatsächlich von Grund auf verändert, jedoch vollkommen anders, als sich das Autorenduo dies vorstellen konnte. Der rasant voranschreitende Klimawandel ist dabei nur eine der Ursachen.

 

 

 

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