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„Die Wirkung bislang ist beachtlich“

Im Mai 2019 veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat IPBES der UN einen alarmierenden Bericht über den Zustand der Artenvielfalt. Millionen Pflanzen und Tiere sind vom Aussterben bedroht. Ursache dafür ist u.a. die intensive Landnutzung durch den Menschen.

Zu den rund 150 WissenschaftlerInnen, die mehrere Jahre an dem Bericht gearbeitet haben, gehört der Biologe Professor Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Das Klimabündnis Hamm (KH) befragte ihn zur Arbeitsweise des UN-Gremiums und den Folgen des alarmierenden Berichtes.


KH: Wie ist die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) organisiert?

Professor Josef Settele [(C) Sebastian Wiedling/UFZ]
Professor Settele: IPBES, im Deutschen auch als Weltbioversitätsrat bezeichnet, ist im Prinzip sehr ähnlich organisiert wie der Weltklimarat IPCC. Es handelt sich um eine Zwischen-Regierungs-Organisation, wird also von den derzeit 134 Mitgliedsstaaten getragen. Der Rat besteht aus mehreren Gremien, die verschiedene Aufgaben und Funktionen wahrnehmen. Gemeinsam beraten sie die Politik wissenschaftlich zum Thema biologische Vielfalt und zu den Leistungen, die Ökosysteme für den Menschen bereitstellen.

Das Plenum des Weltbiodiversitätsrats ist das höchste Gremium. Es tagt in der Regel alle ein bis zwei Jahre. Das Plenum ist die Vollversammlung der Mitgliedsstaaten und trifft grundlegende und wegweisende Beschlüsse. An den Sitzungen nehmen Vertreterinnen und Vertreter der Ministerien der Mitgliedsstaaten und akkreditierte Teilnehmerorganisationen teil. Auf dem Plenum werden unter anderem Beschlüsse über Leitungsfunktionen, Expertengruppen und Task Forces, prozedurale Aspekte, Arbeitsplan sowie Budgets gefasst. Das Plenum entscheidet auch über Umfang und Struktur der IPBES-Berichte (Assessments). Das Plenum wird von zwei nachgeordneten Gremien unterstützt: dem administrativen Büro sowie dem multidisziplinären Expertengremium/ MEP (Multidisciplinary Expert Panel).

Wie werden die zahlreichen Forschungsergebnisse der weltweit verteilten Arbeitsgruppen zu einem Bericht zusammengefügt?

Artenvielfalt: Hier Bienen auf Blüte
(C) M. Großmann, pixelio.de

Jeder Bericht wird für sich erstellt. Ich selbst war hierbei beteiligt am Bestäubungsbericht, am Bericht für Asien und und den Pazifik und am Globalen Bericht. Letztgenannten hatte ich zusammen mit Sandra Diaz aus Argentinien und Eduardo Brondizio aus Brasilien/USA geleitet. Wir waren also die 3 Co-Vorsitzenden.

Bei jedem Bericht gibt es Kapitel-Teams, die über 2-3 Jahre hinweg an der Erstellung ihres spezifischen Kapitels arbeiten. Hierfür gibt es diverse Autorentreffen (per Skype und gelegentlich auch physisch). Bei drei Autorentreffen aller Autoren eines Berichtes, also bei Treffen, die alle Kapitel umfassen, werden die zentralen Punkte besprochen. Beim Globalen Assessment waren an den drei Treffen jeweils etwa 150 Kolleginnen und Kollegen beteiligt.

Die Teams erarbeiten in halbjährlichen bis jährlichen Abständen aufeinander aufbauende Versionen des jeweiligen Textes, die alle in einen breiten Review-Prozess gehen. Die Kommentare, die aus dem Prozess resultieren, werden dann teils für die Texte berücksichtigt, bei Nicht-Berücksichtigung erfolgt hierfür eine kurze Begründung. Für das globale Assessment erhielten wir insgesamt ca. 20.000 Kommentare, die alle in einer tabellarischen Aufstellung beantwortet wurden.

Als finales zusammenfassendes Dokument haben wir die Summary for Policymakers (SPM) auf Basis der Detailergebnisse des Berichtes erstellt. Die SPM wird Satz für Satz im IPBES-Plenum im Konsens mit den Delegierten der Regierungen verabschiedet.

Welchen Beitrag hat Ihr Institut zu dem jüngst veröffentlichten Bericht geleistet?

Der im Mai veröffentlichte Globale Bericht wurde von mir gemeinsam mit zwei KollegInnen aus Argentinien und Brasilien/USA geleitet. Ebenso war vom UFZ daran Prof. Ralf Seppelt als Autor beteiligt. Insgesamt waren Experten unserer Einrichtungen, dem UFZ und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig an nahezu allen IPBES-Berichten beteiligt.

Wie notwendig ist es, die Forschungsarbeit in einem gemeinsamen Bericht zusammenzuziehen?

Jewgenia Stasiok / pixelio.de

Eine solche Zusammenstellung ist essentiell als Entscheidungshilfe für die Politik. Aufgrund der unerhörten Masse an verfügbarer Information wäre es ansonsten nicht möglich, eine fachlich fundierte Gesamtschau zu erreichen, inklusive einer Einschätzung der Zuverlässigkeit der Aussagen, die ja auch Teil der Assessments sind.

Ebenso ist für die praktische Umsetzung der Erkenntnisse wichtig, dass die Summary for Policymakers, die die Kernaussagen der Berichte nochmals auf wenigen Seiten zusammenfassen, als gemeinsames Dokument im Konsens zwischen Wissenschaft und Politik finalisiert werden. Dies bedeutet nicht weniger als dass die beteiligten Regierungen diesen Stand des Wissens und die daraus resultierenden Handlungsoptionen anerkennen. Somit können diese Dokumente von jedem/r verwendet werden, um entsprechendes Handeln von den Regierungen einzufordern, denn diese haben dem ja zugestimmt.

Ist es Zufall, dass der Initiativen-Start von Scientists4Future und die IPBES-Veröffentlichung sich gerade jetzt ereignet haben?

Die IPBES-Veröffentlichung war an das IPBES-Plenum gebunden – und das war bereits 2016 zeitlich grob festgelegt worden. Die Erstellung des Berichtes brauchte ja auch einen entsprechenden zeitlichen Horizont (der übrigens sehr anspruchsvoll war). Es kann natürlich sein, dass die Vorbereitungen und die dazugehörige Öffentlichkeitsarbeit für den IPBES-Bericht für Scientists4Future zusätzlich inspirierend waren. Ich denke, dass die Themen derzeit einfach reif sind und sich die Aktivitäten gegenseitig befördern – das hat wohl auch eine gewisse Zufallskomponente, ist aber wohl dennoch nicht völlig voneinander losgelöst.

Erfahren die Forschungsergebnisse wie z.B. zur Bedrohung der Arten aus Ihrer Sicht nun mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit?

Ganz eindeutig hat sich die Wahrnehmung des Themas im Laufe der letzten Jahre drastisch geändert. Neben dem IPBES-Bericht kommt v.a. hier in Deutschland auch noch ganz stark der Insektenrückgang als Thema dazu, in dessen Kommunikation ich auch stark involviert war und bin – schließlich ist die Insektenforschung mein eigenes Arbeitsgebiet.

Welche Wirkung hat die jüngste Veröffentlichung des IPBES gehabt – auch für Sie persönlich?

Für mich persönlich hat sich der Alltag seit der Veröffentlichung im Mai dahingehend drastisch verändert, dass ich seitdem in etwa ein Interview pro Tag (so wie dieses hier) und ein bis zwei Vorträge oder ähnliche Auftritte pro Woche hatte. Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse einschließlich der Politikberatung ist derzeit mein Arbeitsschwerpunkt. Das Interesse breiter Kreise von der Bevölkerung bis in die Politik zeigt mir, dass die Wirkung bislang beachtlich ist. Nun gilt es, das Momentum zu halten und auch wirkliche Maßnahmen zu erzielen.


Bislang wurden vom IPBES folgende Berichte (Assessments) verfasst:

Gutachtentyp Thema Jahr
Globale Berichte Biodiversität und Ökosystemleistungen 2019
Regionale und sub-regionale Berichte Afrika 2018
Nord-, Süd- und Mittelamerika 2018
Asien-Pazifik 2018
Europa und Zentralasien 2018
Thematische Berichte Bestäuber, Bestäubung und Nahrungsmittelproduktion 2016
Landdegradierung und Wiederherstellung 2018
Methodische Berichte Politikunterstützungsinstrumente sowie Methoden der Szenarienanalyse und Modellierung von Biodiversität und Ökosystemleistungen auf Grundlage eines Assessments und eines Leitfadens 2017

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