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Dürre in Thüringen: „Für unser Flusssystem wird es bereits zu spät sein“

Deutschland kämpft im dritten Jahr in Folge mit einer extremen Dürre. Da die Wasserreserven sich langsam aufbrauchen, werden die Folgten der Trockenheit immer deutlicher, z.B. im grünen Herz unseres Landes


Ein Blick auf den Dürremonitor vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung genügt und man erkannt sofort, dass Thüringen neben Sachsen und Brandenburg von den 16 Bundesländern am stärksten unter der Dürre leidet. Ganze Flüsse fallen in diesen Regionen trocken, wie z.B. die Apfelstädt, ein 34 Kilometer langer Fluss, der bis ins letzte Jahrhundert hinein 56 Mühlen angetrieben hat.

Rico Heinemann ist für Bündnis 90 / Die Grünen Mitglied im Gemeinderat von Nesse-Apfelstädt und hat die Bewahrung des schützenswerten Flusssystems zu seiner politischen Aufgabe gemacht. Das folgende Interview wurde schriftlich geführt,


Wie wirken sich die fehlenden Niederschläge aktuell aus?

Heinemann: Es ist seit ca. 5 Jahren ein massiven Abfall des Grundwasserspiegels zu beobachten. Im Sommer sind die Brunnen leer. Der geringe Wasserstand in der Apfelstädt hat nicht nur die Fische (Forellen, Bachneunaugen, Elleritzen) getötet, die Temperaturerhöhung der wenigen Durchflussmenge bewirkt auch ein Absterben der Kleinstlebewesen wie Bachflohkrebse.

Auch ist in diesem Jahr zu beobachten, dass nach großflächigem Regens keine Sedimente im Flusswasser zu finden sind. Ein Indiz dafür, dass die trockenen Böden alles Wasser aufsaugen und der geringe Mehrdurchfluss auf die Erhöhung des Grundwasserspiegels hindeutet, was
jedoch nur kurzfristig anhält.

Durch den Abfall des Grundwassers ändert sich die Vegetation. Im Gemeindegebiet müssen wir fast alle alten Bäume entnehmen weil diese
Dürreschäden haben. Somit verlieren wir den gesamten Bestand an alten Kastanien, Eschen, Birken, Buchen und Eichen. Geplant sind ab Oktober die Fällung von 50 weiteren Bäumen. Leider gehen auch alle unsere, seit 1990 gepflanzten Bäume kaputt. Somit fehlt nun auch die nachgepflanzte Generation an Baumbestand. Unsere Baumgutachter haben uns bereits mitgeteilt, dass für Nachpflanzungen nur noch kontinental/asiatische Bäume in Betracht kommen.

Damit sind die Kosten des Klimawandels bei uns in der Gemeinde bereits angekommen.


Ist die Dürre die einzige Ursache, warum die ‚Apfelstädt‘ bei Ingersleben im vergangenen Jahr abgefischt werden musste?

Heinemann: Nein. Um die Trockenheit zu bekämpfen, wird mehr und mehr Wasser den Talsperren entzogen, um konventionellen Obstanbau in Thüringen zu fördern. Weiterhin werden damit Projekte der Bundesgartenschau BUGA 2021 bewässert, in Erfurt Teiche angelegt, um die Temperaturen in der Stadt zu senken.

Der Gipfel des Ganzen ist eine Umleitung des Wassers durch eine alte Leitung (Westringkaskade) um hiermit ein Schaukraftwerk zu betreiben und Ökostrom zu erzeugen. Ein Ökoprojekt, an dem leider auch das Grüne Umweltministerium unter Anja Siegesmund beteiligt ist. Nach Aussage des Umweltstaatssekretärs Olaf Möller wird der erzeugte Strom 4000 Haushalte mit Energie versorgen und das eingenommene Geld zur Wartung der Talsperren benötigt. Wir legen einen Landstrich trocken, um Ökostrom zu erzeugen.


Lassen sich die unterschiedlichen Nutzungsinteressen an dem Fluss überhaupt unter einen Hut bringen?

Heinemann: Ich denke ja. Der fehlende Niederschlag durch den Klimawandel ist zu sehen. Wenn also kein Wasser nachkommt, so darf nicht noch zusätzlich welches entnommen werden. Die Umleitung von Wasser darf nur erfolgen, wenn dieses ausreichend vorhanden ist. Somit sind Projekte wie BUGA und Schaukraftwerke so zu gestalten, dass diese an die vorhandene Wassermenge angepasst werden.

Wenn denn ein solches Schaukraftwerk sein muss, warum muss es ständig laufen und wird nicht nur angeschaltet wenn z.B. Schulkassen es ansehen wollen? Ein Umweltverträglichkeitsgutachten hätte hier sicher weiter geholfen, war politisch, wohl auch vom grünen Umweltministerium nicht gewünscht. Prestigeprojekte müssen hinter der Umwelt zurück stehen.

Hätte man angesichts der seit Jahren bekannten Vorhersagen der Klimaforschung nicht frühzeitig auf zunehmende Trockenheit reagieren können?

Heinemann: Mit Sicherheit ja. Jedoch muss man dazu auch der Wissenschaft glauben. Auch hier gibt es noch genügend Menschen, welche den Klimawandel leugnen und anderen Verursachern die alleinige Schuld geben. Ich kann auch nicht verstehen, warum unser Umweltministerium jetzt nicht einlenkt und sich Schützend vor unsere Region stellt. Auch jetzt noch redet Frau Siegesmund vom Klimawandel, befördert aber die weitere Entnahme von Wasser aus dem geschundenen Flusssystem.

Wie soll es nun weitergehen, insbesondere mit dem schützenswerten Flussauen der Apfelstädt, die ja in der Liste der Natura-2000-Gebiete beim Bundesamt für Naturschutz steht?

Heinemann: Hier formen sich bereits erste Bürgerbewegungen. Auch laufen Interessenbekundungen der Bürgermeister „Stromaufwärts“ bei mir ein. Ich
selbst bin an der Vernetzung beteiligt, um auch Aktionen vor und während der BUGA zu starten.

Medial haben wir bereits Aufmerksamkeit von Lokalreportern der Thüringer Allgemeinen bekommen, dass MDR ist hierbei recht zurückhaltend.  Ich versuche gerade Umweltorganisationen auf unsere Situation Aufmerksam zu machen. Ich hoffe auf ein geplantes Treffen mit Greenpeace.

Die Menschen in Erfurt müssen erfahren, wo ihr Wasser herkommt und was dies für Folgen in dem Herkunftsgebiet nach sich zieht.  Vielleicht  erkennen die Parteien vor der Landtagswahl 2021 das Problem und greifen es auf. Eigentlich sollten dies die Grünen sein, ich befürchte aber, dass die AfD die Stimmungslage in der Bevölkerung hier erkennen wird und für sich verwendet.

So oder so, für unser Flusssystem, den Baumbestand im Gemeindegebiet und das Ökosystem im Bodenbereich wird es bereits zu spät sein.


Alle Bilder wurden uns von Rico Heinemann zur Verfügung gestellt.

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