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Eingemauert in Systemen

Die Diskussion um die Aufforstung von Waldflächen hat offengelegt, dass ein politischer Paradigmenwechsel hin zu wirksamem Klimaschutz noch immer in weiter Ferne liegt. Und damit stellt sich auch die Frage, ob der monatelange Protest auf der Straße durch FridaysForFuture am Ende nicht doch kraftlos versickern wird.

900 Millionen Hektar. Eine Fläche, so groß wie die USA. Diese Fläche fehlt dem Planeten Erde an Waldbestand, um die anthropogenen CO2-Emissionen zu binden und somit wirksam zum Klimaschutz beizutragen. Dieser Baumbestand würde in etwa zwei Drittel der gesamten Kohlenstoffmenge einlagern, die die Menschheit seit der industriellen Revolution als CO2 in die Atmosphäre emittiert hat. Eine entsprechende Studie der ETH Zürich hat durchgerechnet, in wie weit genügend Flächen auf der Erde bereit stehen und ob prinzipiell durch Aufforstung der Klimawandel gestoppt werden könnte:

„Unsere Studie zeigt deutlich, dass Aufforstung derzeit die beste verfügbare Lösung gegen den Klimawandel ist. Und es ist eine Klimalösung, an der wir alle mitwirken können: Jeder kann Bäume pflanzen, für die Waldregeneration spenden oder Geld in klimafreundliche Unternehmen investieren“.
Tom Crowther, ETH Zürich, Koautor

Die Meldung, dass durch das Pflanzen von Bäumen die Erde vor einer Klima-Heißzeit bewahrt und die Bedrohung der menschlichen Zivilisation abgewendet werden könnte, wurde mit Hochgeschwindigkeit über die Medien verbreitet und in den sozialen Netzwerken geteilt, insbesondere durch Christian Lindner und Paul Ziemiak.

Interessant an diesem Medienphänomen ‚Wald als Klimaretter“ ist nun, dass ausgerechnet die Politikerinnen und Politiker, die angesichts des Klimanotstandes zunächst einmal mehr Forschung und Arbeitsgruppen fordern, auf diesen medialen Kurzhype ohne zu zögern angesprungen sind. Völlig verdrängt in der hektischen Debatte wurde dabei folgende Grundtatsache:

„Weltweit wurden 2018 rund 12 Millionen Hektar tropischer Regenwald abgeholzt – eine Fläche so groß wie England.“
weltagrarbericht.de

Die Menschheit verursacht eine existenzbedrohende Vernichtung von Waldflächen und führt gleichzeitig eine Debatte über ein Aufforstungsprogramm, das schlichtweg jeglichen ökonomischen Rahmen sprengen würde, ohne dass rechtzeitig ein entsprechender Effekt auf die Senkung von Treibhausgasen ausgeübt werden könnte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum in diesem Zusammenhang nicht das offensichtliche getan, sondern stattdessen das absurde gefordert wird.

Diese Überlegung entfaltet seine ganze Brisanz wenn man den Fakt hinzuzieht, dass die aktuelle dramatische Entwicklung des Weltklimas bereits seit über 30 Jahren bekannt ist. Seit über sechs Monaten streiken Schülerinnen und Schüler regelmäßig. Auch das bisher ohne jeglichen politischen Erfolg bei der Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen:

„#6MonateNixPassiert. Trotz der medialen Aufmerksamkeit, der vielen Sympathiebekundungen aus der Gesellschaft und den neuen politischen Mehrheiten hat die Bundesregierung immer noch keine einzige der politischen Entscheidungen getroffen, die wir im Einklang mit Wissenschaftlern fordern.“
Und wenn sich der Blick schon auf die unbequemen Wahrheiten richtet, dann lohnt es sich, die ganze Dramatik der aktuellen Situation aufzublättern:
  • In ganz Deutschland legte die Zahl der Flugpassagiere im Mai um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat auf 22,2 Millionen zu. Der innerdeutsche Flugverkehr wuchs um 8,6 Prozent. (aus: Kieler Nachrichten).
  • In Brasilien wurden allein im Monat Juni 920 Quadratkilometer Amazonas-Regenwald zerstört, eine Fläche so groß wie Berlin. Das ist ein Anstieg von 88 Prozent gegenüber demselben Monat des Vorjahres. (aus: Frankfurter Rundschau)
  • „Auf die Frage nach den wichtigsten Klimaschutz-Maßnahmen der vergangenen drei Jahre nennt keine einzige Stadt ein klimaschonendes Verkehrskonzept“ (aus: wdr.de)
  • Aus Mangel an durchdachten Verkehrskonzepten werden immer wieder die Preise im ÖPNV erhöht, wie z.B. am Mittelrhein (aus: express.de) und in Hamm (Westf.) (Westfälischer Anzeiger)
  • „In Deutschland mästen Bauern viel mehr Schweine, Rinder oder Hühner, als für die Versorgung der Bundesbürger nötig wäre. Im Gegenzug gibt es massive Nachhaltigkeits-Defizite auf praktisch allen Ebenen, zeigt ein Bericht für den Bundestag.“ (aus: sueddeutsche.de)

Diese unvollständige Liste zeigt das Totalversagen der Menschheit angesichts der existenziellen Bedrohung durch den Klimawandel. Doch umso klarer die Fakten, desto lethargischer das Handeln der Verantwortlichen.

Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Dazu ein Blick auf die Parteien, die sich am vehementesten mit Argumenten gegen wirksame Maßnahmen für den Klimaschutz aussprechen, also Besteuerung von Treibhausgasen, Abschaffung von klimaschädlichen Subventionen, massive Reduzierung von industrieller Lebensmittelproduktion und motorisiertem Individualverkehr ablehnen. Sowohl FDP als auch CDU, CSU und in weiten Teilen die SPD haben ihren Wählerinnen und Wählern im wesentlichen eine zentrale politische Botschaft zu bieten: Wachstum und Wohlstand. Wesentliche Grundlage, dieses Versprechen an die Gesellschaft umzusetzen, ist die Verfügbarkeit ausreichender und preiswerter Energie. Hinzu kommt, dass Rohstoffe unbegrenzt verfügbar sein müssen und die Entsorgung von Abfällen gesichert sein muss.

Die Illusion, dass ein derart dysfunktionales System tatsächlich umsetzbar ist, hat sich bis vor wenigen Monaten noch aufrecht erhalten lassen.

Nun aber haben Greta Thunberg und die FridaysForFuture das wahre Bildnis des Dorian Gray hervorgezerrt – und die Fratze, die das weltweite gesellschaftliche System darstellt, ist abgrundtief hässlich. Den Parteien des ‚Wirtschaftens und Wachsens‘ gelingt es immer weniger, die Botschaft der Wohlstandsgarantie glaubhaft zu vermittel, je unmittelbarer der Klimanotstand erfahrbar wird. Eine Abkehr von der Kernbotschaft oder auch nur eine Neujustierung, die sich an einer wirksamen Nachhaltigkeitsstrategie ausrichten könnte, können sich diese Parteien aber nicht leisten. Denn:

Jenseits des Wohlstands- und Wachstumsversprechens haben CDU, CSU, FDP und SPD keine gesellschaftliche Erzählung zu bieten.

Diese inhaltliche Lehrstelle muss zwangsläufig zu einem politischen Überlebenskampf führen, in dem jedweder wirksame Klimaschutz hintertrieben wird. Dabei bewegen sich die Akteure auf dem kontrafaktischen Schachbrett der reinen Machtlogik. Es geht nicht darum, die Zukunft von Mensch, Natur und Ökosphäre auf dem Planeten Erde nachhaltig zu stabilisieren. Es geht allein um das politische Überleben innerhalb des Systems, dass man selber wesentlich mit ausgestaltet hat.

Wie in einem Brennglas wird diese zerstörerische Logik verdeutlicht in dem Landesentwicklungsplan, den die Landesregierung aus CDU und FDP in Nordrhein-Westfalen verabschiedet hat. Die Deutsche Umwelthilfe schreibt dazu in einer Pressemitteilung:

„„Der nordrhein-westfälische Landtag beschließt mit dem neuen Landesentwicklungsplan de facto ein Moratorium der Windenergie in NRW. Allein mit der geplanten Abstandsregelung verabschiedet sich NRW vom Ausbau der Windenergie und damit vom Klimaschutz.“
Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH

In diese Logik fügt sich passgenau die Ablehnung der CO2-Steuer durch den Bundeswirtschaftsminister ein. Auch hier die entlarvende Begründung, dass weder Arbeitsplätze verloren gehen dürfen noch der ländliche Raum benachteiligt werden darf.

Es ist deutlich zu erkennen, dass die Botschaft des Rückfahrens von Konsum, Wohlstand und Wachstum für CDU, CSU, FDP und SPD nicht einfach eine programmatische Korrektur darstellt. Diese Neuausrichtung würde vielmehr einem Zusammenbruch der Sinnstiftung für diese Parteien gleichkommen. Deshalb wird lediglich innerhalb des von diesen Parteien aufgebauten Systems nach Lösungen für den Klimanotstand gesucht. Dazu werden in Papieren und Ausschussunterlagen Stellschrauben virtuell nach links und rechts gedreht an einer Maschine, die längst vollständig verschlissen und zugerostet ist. Gehandelt wird dabei nach dem Motto:

Lieber nicht handeln als handeln und das Wahlvolk verschrecken.

Die Bedrohung der menschlichen Zivilisation ist nicht durch eine Handvoll Korrekturen innerhalb des globalen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems lösbar. Die kapitalistische Logik der Gewinnmaximierung ist zwar Methode, aber eben auch Irrsinn. Nur aufgrund dieser Erkenntnis lässt sich ein wirksamer Klimaschutz und ein nachhaltiges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufbauen.

Wer sich dieser Erkenntnis verweigert, steht auf der falschen Seite der Geschichte.

 

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