Skip to main content

Energiewende – digital gescheitert?

Das Branchenfachblatt zfk beurteilt den Zustand der Digitalisierung der Energiebranche als ‚mangelhaft‘. Das Photovoltaik-Blatt pv-magazine sieht die Digitalisierung der Energiewende in den Kinderschuhen feststecken. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministerium spricht von der Gefährdung der Energie- und Verkehrswende. Und der Bundesverband neue Energiewirtschaft (bne) sieht sich in seiner Kritik bestätigt:

„Nun zeigen zwei Publikationen aus dem Bundeswirtschaftsministerium schwarz auf weiß, dass die Digitalisierung der Energiewende in Deutschland mehr als unzureichend entwickelt ist.“
bne, Pressemitteilung

Auslöser dieser harschen Kritik ist insbesondere das Digitalisierungs-Barometer welches u.a. von dem Beratungsunternehmen E&Y erstellt und Ende Januar 2019 zum ersten Mal veröffentlicht worden ist. Im Kern wurde untersucht, in wie weit Smart Metering Systeme in Deutschland bereits zum Einsatz gekommen sind. Kurz – er geht um den Rollout von Messsystemen.

In diesem Gutachten, das vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde und nun jährlich veröffentlicht werden soll, erreicht das große Infrastrukturprojekt ‚Rollout‘ ganze 22 Punkte – von 100! Womit die Schulnote ‚mangelhaft‘ gerechtfertigt ist.

Welche Bedeutung dieses Ergebnis für Deutschland hat, unterstreichen die Autoren der Studie deutlich:

„Mit den Verzögerungen des Rollouts steigt die Gefahr eines Scheiterns sowohl der Energie- als auch der Verkehrswende.“
Barometer Digitalisierung der Energiewende
Berichtsjahr 2018

Wer also bisher geglaubt hat, nur ein paar Kohlebagger oder testosterongetriebene Porschefahrer würden dem Klimaschutz im Wege stehen, der muss sich verwundert die Augen reiben: Scheitert der Kampf gegen den Klimawandel tatsächlich daran, dass man den Strom nicht vernünftig zählen kann?

Ein Blick auf die schwerwiegendsten Mängel, die das Barometer auflistet, macht rasch deutlich, wie dramatisch die Situation ist – jeder Punkt ist eine Ohrfeige für eine Industrienation.

Mängelliste

Alte Denke in trägen Köpfen

„Mit der Digitalisierung verändern sich bestehende Strukturen, Prozesse und Lösungsansätze fundamental. Dies erfordert grundsätzlich ein neues Denken und Handeln von allen Beteiligten – was sich bis heute noch nicht breit durchgesetzt hat.“
Barometer Digitalisierung der Energiewende
Berichtsjahr 2018

Mangelhafte Zusammenarbeit im Gesamtprojekt

„Anstatt sich auf eigene Kompetenzbereiche zurückzuziehen, muss die Erarbeitung einer gemeinsamen Lösung im Hinblick auf das übergeordnete Ziel „Digitalisierung der Energiewende“ stärker in den Fokus aller Beteiligten gestellt werden. Die isolierte Abarbeitung von Einzelaspekten muss überwunden werden und es muss eine ganzheitliche Zusammenarbeit ent­stehen.“
Barometer Digitalisierung der Energiewende
Berichtsjahr 2018

Kontrollverlust durch Organisationsversagen

„Bei keinem Verband, keinem Ministerium und keiner der involvierten Behörden findet sich eine Struktur mit einer separaten großen Organisationseinheit im Sinne einer Abteilung oder zumindest Unterabteilung ‚Digitalisierung der Energiewende‘, die dieses Infrastrukturprojekt weiterdenkt und mit ausreichenden personellen Ressourcen technisch und regulatorisch vorantreibt. Die Personenzahl, die sich in Behörden und Verbänden konzentriert diesem Thema widmet, ist jeweils sehr überschaubar.“
Barometer Digitalisierung der Energiewende
Berichtsjahr 2018

Keine Standards – keine Sicherheit

„Durch mangelnde Koor­dination und fehlende Abstimmungen entwickeln sich Standards in den Einsatzbereichen des SMGW parallel und teilweise in verschiedene Richtungen.

Bei diesen Alternativlösungen fehlen oftmals die relevanten Sicherheitsfunktionalitäten.“
Barometer Digitalisierung der Energiewende
Berichtsjahr 2018

Digitaler Offenbarungseid

Keine Frage: Dieses Barometer zur Energiewende-Infrastruktur ist ein digitaler Offenbarungseid für die Industrienation Deutschland. Schonungslos wird offengelegt, woran es wirklich hapert, wenn man die Versäumnisse bei der Digitalisierung betrachtet. Denn die Ergebnisse, die die Autoren von E&Y zusammengetragen haben, lassen sich zweifelsohne auf andere Branchen und Projekte wie z.B. die Gesundheitskarte übertragen.

Wenn z.B. die Autoren fordern, dass dringend ein übergreifendes Programm- und Projektmanagement eingesetzt werden muss – dann stellt man sich die Frage: Haben die Beteiligten über die bisherige Projektlaufzeit von acht Jahren ohne Planung und Kontrolle Steuergelder und Stromgebühren versenkt?

Gesellschaftliches Desinteresse

Ein derartiges Gesamtversagen von Industrie und Politik – vergleichbar mit dem Dieselskandal – kann sich natürlich nur ereignen, wenn die Öffentlichkeit wegschaut und die Medien ihrer Kontrollfunktion nicht nachkommen.

Jüngst erst hat der österreichische Rechnungshof den Rollout im Nachbarland massiv kritisiert. Das dortige Vorgehen ist vergleichbar mit dem Rollout und der Digitalisierung der Energiewende in Deutschland. Die Resonanz in den deutschen Medien? Ein kaum wahrnehmbares Grummeln in der Experten-Filterblase.

Keine Energie- und Verkehrswende ohne Digitalisierung

Nach heutigem Kenntnisstand lassen sich Energie- und Verkehrswende nur mit einem massiven Digitalisierungs-Schub in beiden Sektoren umsetzen. Damit ist der Klimaschutz auf Sand gebaut – der als Silizium einen wesentlichen Rohstoff in den Computersystemen darstellt.

Wenn aus diesem Sand ein tragbares Fundament werden soll, muss die Digitalisierung der Energiewende endlich als nationale Herkulesaufgabe begriffen und mit einem eben solchen Ernst betrieben werden. Wenn eine Kommission verschiedener gesellschaftlicher Gruppen nach monatelangen Verhandlungen über die Kohlenutzung einen Plan für den Ausstieg vorlegen kann – dann muss jetzt dieser Kohleausstieg durch einen Digitalisierungsplan abgesichert werden. Dazu müssen sich endlich alle Akteure auf Augenhöhe an einen Tisch setzen.

Gelingt dies nicht, scheitert nicht nur die Digitalisierung, sondern auch der nationale Plan zum Klimaschutz.

 

Schreibe einen Kommentar