Skip to main content
Vertrockneter, rissiger Acker

Es wird nicht reichen!

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hat in seinem letzten Bericht auf die enorme Bedeutung von Landwirtschaft und Ernährung beim Kampf gegen den fortschreitenden Treibhauseffekt hingewiesen. Gleichzeitig wurde eine klaffende Lücke in der Argumentation von Scientists4Future und FridaysForFuture offengelegt.

Die Veröffentlichung des IPCC-Sonderberichts zu „climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems“ führte quer durch die Medienlandschaft zu einem einhelligen Echo:

  • „Nicht die wachsende Weltbevölkerung ist das große Problem, sondern die Art und Weise, wie die Menschen auf der Erde leben. Wir sind gezwungen, unsere Prioritäten zu verändern. Nichts wird so bleiben.“ (Joachim Müller-Jung in faz.net)
  • „Die Europäische Union muss auch ihre Nahrungsmittelproduktion ändern, die nur auf billig und Quantität ausgerichtet ist. Das gilt nicht nur für die Massenhaltung von Kühen und Schweinen, ohne Rücksicht auf die Ruinierung der Böden und die schon geradezu verbrecherische Verseuchung des Grundwassers mit Gülle.“ (Gerd Appenzeller in tagesspiegel.de)
  • „Um die Klimakrise halbwegs glimpflich zu überstehen, wäre jedoch gemeinsames, umsichtiges und vor allem schnelles Handeln notwendig. Die Weltbevölkerung dürfte kaum noch wachsen, müsste eher schrumpfen. Konsum müsste stark zurückgefahren werden, Fleischverzicht ist da noch eine kleinere Hürde.“ (Hanno Charisius in sudedeutsche.de)
  • „Die Klimakrise hat nun also die Landwirtschaft erreicht und damit auch unsere Essgewohnheiten. Am Ende einer Woche, in der Politik und Verbraucher über das Für und Wider einer Schnitzelsteuer debattierten, machen die Wissenschaftler deutlich: Es geht um viel mehr, und es muss schnell gehen.“ (Jürgen Polzin in waz.de)

Der Sonderbericht macht deutlich, in welchem Umfang unsere Ernährungs- und Konsumgewohnheiten dazu beitragen, das Weltklima zu erhitzen. Unter Nutzung des CO2-Rechners des Umweltbundesamtes lässt sich der Effekt z.B. bei der Einschränkung des Fleischkonsums leicht berechnen. Der durchschnittliche CO2-Fußabdruck in Deutschland beträgt rund 11 Tonnen Treibhausgase pro Jahr und Person. Die Umstellung von fleischbetonter auf vegane Ernährung würde ca. 1,6 Tonnen Treibhausgase einsparen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Einsparung durch die installation einer großen, privaten Photovoltaik-Anlage beträgt in etwa 1,7 Tonnen Treibhausgase.

Es ist anhand der Zahlen offensichtlich, welch einen enormen Hebel die fleischlose Ernährung darstellt. Nimmt man die Umstellung der Ernährung als Leuchtturmprojekt, um generell das Konsumverhalten zu hinterfragen, können noch größere Einsparpotentiale erschlossen werden, wie sich anhand des Rechners leicht feststellen lässt. Der IPCC-Bericht weist in diesem Zusammenhang auch auf die enorme Verschwendung von Lebensmitteln hin, die dringend abgestellt gehört.

Zahlreiche Umweltgruppen haben aufgrund der hohen Treibhausgasemissionen und der massiven Schäden, die die industrielle Fleischproduktion verursacht, den Kampf gegen die industrielle Massentierhaltung zum Teil seit Jahrzehnten in ihre Kampagnen integriert, wie der Naturschutzbund, der BUND, Greenpeace, oder nehmen eine klare Position ein, wie die jüngeren Aktionsgruppen Extinction Rebellion oder EndeGelände. Der Ausstieg aus der industriellen Fleischproduktion ist daher längst der Lackmustest für die Glaubwürdigkeit von Klimaschutzengagement, nicht nur bei politischen Parteien.

Es ist daher schon verstörend, dass ausgerechnet die Gruppen, die sich sehr auf wissenschaftliche Grundlagen berufen, diese Forderung nicht unterstützen. Die FridaysForFuture-Forderungen sind einseitig technologiegläubig auf Energiewende und Kohleausstieg beschränkt und gleiten bei der Netto-Null vom Konkreten ins Wolkige. Nicht besser sieht es bei Scientists4Future aus, deren einzige konkrete Forderung die Verbrennung von Kohle betrifft, welche „bereits 2030 fast vollständig beendet“ sein sollte.

Der letzte IPCC-Bericht legt aber nicht nur die inhaltliche Leerstelle bei FridaysForFuture und Scientists4Future offen. Es wird auch deutlich, dass die junge Klimaschutzbewegung an einer zentralen Stelle geradezu hasenfüßig agiert:

Klimaschutz ist nur möglich, wenn sich Lebensstil und Konsumverhalten in Deutschland radikal verändern.

Weder der Ersatz von Verbrennungs- durch Elektromotoren, noch die vollständige Transformation hin zum Energieträger Strom werden zu einer nachhaltigen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung führen. Der elektrische SUV ist eben nicht die Lösung für unsere Klima- und Mobilitätsprobleme. Stattdessen wäre ein völlig neuer Mobilitätsmix aus u.a. Lastenrädern und öffentlichem Personenverkehr erforderlich. Um derartige Lösungen umsetzen zu können, reicht es jedoch nicht aus, der Politik die Verantwortung zuzuschieben. Hier ist die Gesellschaft gefordert, und zwar auf der Ebene, wo persönliche Entscheidungen rückwirken auf das Gesamtsystem.

Die Bürgerinnen und Bürger mit in die Verantwortung zu nehmen und diese Verantwortung des einzelnen Menschen auch einzufordern ist notwendige Voraussetzung für wirksamen Klimaschutz. Dies muss – insbesondere von Scientists4Future – klar in die Gesellschaft hinein kommuniziert werden. „Tell the Truth“ lautet die erste Forderung von Extinction Rebellion und diese fordert insbesondere von der jungen Klimaschutzbewegung, die notwendigen Maßnahmen bis hinein in die privaten Lebensentscheidungen auch zu benennen.

Die Angst vor einem VeggyDay-Desaster, wie es den Grünen bei der vorletzten Bundestagswahl widerfahren ist, ist da kein guter Ratgeber. Denn was FridaysForFuture und Scientists4Future bisher von der Gesellschaft einfordern, wird nicht reichen. Weder für den Klimaschutz, noch für Nachhaltigkeit.

 

Schreibe einen Kommentar