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Fällung for future

Update vom 08.10.2019 | Nach Veröffentlichung dieses Artikels hat der Westf. Anzeiger am 08.10.2019 einen Artikel dazu veröffentlicht; mit einer für uns überraschenden Nachricht. [WA 08.10.2019PDF-Archiv]

Unser Artikel vom 05.10.2019 | Die Siedlung Isenbecker Hof in Herringen trägt Trauer. Über 100 Bäume stehen auf der Abschussliste der Stadt Hamm. Grund: An manchen Stellen haben Wurzeln die Randsteine der Baumscheiben angehoben oder Wellen im Pflaster aufgeworfen. Eine Gruppe von acht Aktiven hängte heute Trauerkarten auf, mit denen sie die Anwohner auf das Problem aufmerksam machen wollen, bevor die Kettensägen knattern. Bei Gesprächen wurde klar, dass viele Anwohner von den Plänen noch nichts wissen und bestürzt sind. Verständlich, denn eigentlich könnte das Erscheinungsbild der Siedlung als vorbildlich gelten: Ein ansprechendes Pflaster, keine abgesetzten Bürgersteige, ruhige Verkehrslage und das Alles im Schatten von Bäumen. Aber jetzt sollen die Bäume umgesägt werden. Der Rundgang durch die Siedlung zeigte, wie unsinnig die Planung ist, denn eine Sanierung – wenn man diese denn für dringend nötig hält – ist problemlos ohne Fällung möglich. Das Pflaster kann aufgenommen und neu verlegt werden. Um die Bäume herum kann man einen größeren Bereich als Baumscheibe frei lassen und ggf. mit wassergebundener Wegedecke im Niveau angleichen. Notwendig wären dann allerdings Poller, die Anfahrschäden an den Bäumen durch parkende Autos verhindern.

So trostlos wird es nach Fällung und Neubepflanzung jahrelang in der Siedlung „Isenbecker Hof“ aussehen. (Foto: Hanke/29.09.2019)

Eine Fällung der Bäume, die rund 35 Jahre alt sind, verbietet sich: Nicht nur ist die Neupflanzung mit erheblichen Kosten verbunden, man verschandelt auch das ganze Wohnklima. Damit ist sowohl das schöne Erscheinungsbild gemeint, als auch das Klima im meteorologischen Sinne. Neue Bäume stellen einfach keinen angemessenen Ersatz dar, was ihre Verdunstung und Beschattung angeht. Auch als Biotop sind sie überhaupt nicht gleichwertig. Ob sie bei der zunehmenden Trockenheit überhaupt anwachsen, ist auch fraglich. Das gleiche Bild wie die vorhandenen Bäume werden sie allenfalls im Jahr 2054 abgeben. Da man aber  weniger wuchsstarke Arten nachpflanzen will, wird sich das wahrscheinlich nie mehr ergeben.

Mit Beschluss des Antrags 1034/19 (Klimanotstand) hat sich der Rat der Stadt Hamm festgelegt:

In Zusammenarbeit mit der Bauverwaltung und den Wohnungsbaugesellschaften entwickelt die Energie-Agentur passgenaue Lösungen für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen für Neubauten, Anbauten und Sanierungen. Diese sollen bautechnisch entwickelt und angeboten/beworben werden.“

Das ist hier offensichtlich weder beabsichtigt noch erfolgt, die Energie-Agentur ist ja auch noch gar nicht eingerichtet. Ein verantwortungsvolles Vorgehen („nachhaltig“, „passgenau“) hätte jeden Baum einzeln untersuchen müssen, statt eine Billigplanung nach der Rasenmäher-Methode anzuwenden. So etwas ist einfach verheerend für das Stadtklima und lässt auch für andere Bezirke das Schlimmste befürchten.

Baum mit Trauerschleife in der Siedlung „Isenbecker Hof“ (Foto Hanke/05.10.2019)

Mit derart desaströsen Planungen schafft es die Stadt sogar, das politische Klima zu verderben. Unter dem Eindruck der Fridays-for-Future-Bewegung hatte man den Klimanotstand beschlossen, wollte den jungen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen. Wenn es dann aber konkret wird, passiert genau nichts. Dabei könnte man ja auch schon vernünftig handeln, bevor die „Energie-Agentur“ eingerichtet ist. Solches Verhalten frustriert, schafft Politikverdrossenheit und bildet den Nährboden für Populisten und Gelbwesten. Im Kleinen werden hier die Fehler der Bundespolitik und des Klimapaketes wiederholt: Große Worte und Ankündigungen und dann Versagen, Fantasie- und Mutlosigkeit, wenn es um die Umsetzung geht.

Um einige Einwände vorwegzunehmen:

  • Die Trauerkarten werden zeitnah wieder entfernt. Das verwendete Papier hat ein Gesamtgewicht von 280g. Im Vergleich zur jährlichen Kohlenstofffixierung durch einhundert fünfunddreißigjährige Linden ist das vernachlässigbar. Die verwendete Schnur besteht teilweise aus Kunststoff. Sie wird beim Abnehmen der Karten eingesammelt und fachgerecht entsorgt bzw. wiederverwendet. Der Transport erfolgte per Fahrrad und zu Fuß.
  • Eine Baumfällung ersetzt keine Kanalsanierung. Eine Kanalsanierung ist ohne Baumfällung möglich.

Beitragsbild: Siedlung Isenbecker Hof (Hanke/Schmiedecken, 05.10.2019)

Dirk Hanke

BIGG Hamm

One thought to “Fällung for future”

  1. Update: Fällung fällt aus

    Wie dem Westfälischen Anzeiger heute zu entnehmen war, soll die Fällung jetzt doch nicht kommen: Eine alternative Planung wird in Aussicht gestellt. Dem bzw. der Mitarbeiter/in, die hier die Reißleine gezogen haben, sei von Herzen gedankt. Eine Sanierung des Verkehrsbereiches findet trotzdem statt. So werden die Interessen der Anwohner optimal berücksichtigt. Die am Ende des Beitrags geäußerte Kritik ist damit entkräftet. Mir persönlich ist das am liebsten. Es bleibt der Wunsch, dass solche angepassten Planungen in Zukunft der Standard werden. Es bleibt spannend.

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