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Haltung am Abgrund

Nur langsam sickert der Klimawandel als Bedrohung für die menschliche Zivilisation in das Bewusstsein der Menschen ein. Insbesondere angesichts des desaströsen Klimaschutzprogramms 2030 stellt sich die Frage, wie es nun weitergehen soll. Eine Antwort darauf hat Extinction Rebellion in den letzten Tagen gegeben: mit Haltung. Damit erreicht der Diskurs um den Klimawandel eine neue Stufe.

Um den Gesamtzusammenhang der Frage ‚Wie soll es mit dem Klimaschutz weitergehen‘ richtig einzuordnen, ist folgende Aussage von Anfang September 2019 hilfreich:

„There is growing agreement between economists and scientists that the tail risks are material and the risk of catastrophic and irreversible disaster is rising, implying potentially infinite costs of unmitigated climate change, including, in the extreme, human extinction.

Es gibt eine wachsende Übereinstimmung zwischen Ökonomen und Wissenschaftlern, dass die Restrisiken bedeutend sind und das Risiko eines katastrophalen und irreversiblen Desasters ansteigt einschließlich potentiell unbegrenzter Kosten für einen ungebremsten Klimawandel, der im Extremfall eine Auslöschung der Menschheit beinhalten würde.“

Dieser Text stammt nicht von der Homepage von Extinction Rebellion. Es handelt sich um ein Arbeitspapier des internationalen Weltwährungsfonds IWF zur Einschätzung der Risiken des Klimawandels. Als in dieser Woche der Klimaschutzplan der Bundesregierung veröffentlicht wurde, lag die Einschätzung des IWF bereits vor.

Richard David Precht kommt bei seiner Analyse von realer ‚Bedohung vs. politischem Handeln‘ zu folgendem Ergebnis:

„Obgleich niemand den menschengemachten Klimawandel bezweifelt und auch nicht das Tempo, mit dem er voranschreitet, begnügt man sich mit Schönheitskosmetik. Das gute Klima in der Regierung ist halt wichtiger als das schlechte auf der Erde.“

Nach Precht erscheinen die Informationen über die drohenden Folgen des Klimawandels nicht als nützlich. Vielmehr seien diese sehr ärgerlich und forderten vom Einzelnen, sich selbst in Frage zu stellen. Genau dieses radikale Umdenken erfordere mehr Mut und Stärke als das Leugnen.

Bernd Ulrich sieht in seiner Analyse die Haltung der Bundesregierung wesentlich von Erschöpfung und Angst bestimmt. SPD, CDU und CSU hätten beim Klimaschutz versagt, weil sie nicht bereit seien, in der Öffentlichkeit für die notwendigen Maßnahmen zu kämpfen:

Die Koalition hat offenkundig nicht getan, was die Vertragslage von Paris einfordert, aber eben auch nicht, was die Demokratie halt nun mal so hergibt – sondern nur, was die eigene Angst ihr diktierte.

Ulrich weist ausdrücklich darauf hin, dass die Gesellschaft vor Entscheidungen stünde, die wegen Irreversibilität und dramatischer Folgen – der IWF spricht von der Auslöschung der Menschheit – für eine Demokratie eine besondere Herausforderung darstellen würden.

Damit stellt sich für jeden Einzelnen zwangsläufig die Frage: Habe ich angesichts der Fakten die angemessene persönliche Grundhaltung eingenommen? Sprich: Wie viel bin ich persönlich bereit einzusetzen für die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen, um den Klimawandel abzumildern und das Überleben der Menschen auf diesem Planeten zu sichern?

Als Richtschnur sind hier die Protestgruppen FridaysForFuture, EndeGelände und ExtinctionRebellion anzusehen, deren AktivistInnen aus ihren Lebens- und Aktionskontexten heraus zu einer Grundhaltung gefunden haben: Entschlossen, kreativ, glaubwürdig, gewaltfrei, grundlegend. Grundlegend ist besonders wichtig, da die drei Gruppen mehr oder weniger antikapitalistische, antifaschistische und feministische Emanzipationsbewegungen darstellen. Klimaschutz kann ohne diesen Kontext gar nicht gedacht werden.

Die bürgerliche Zivilgesellschaft hat diese Grundhaltung nicht nur nicht gefunden, sondern lehnt diese – wider besseres Wissens – ab, was in den letzten Tagen durch die Proteste von Extinction Rebellion in Berlin und anderen Großstädten offen zu Tage trat. Wo bei FridaysForFuture noch die ‚Unbekümmertheit der Jugend‘ ins Feld geführt wurde, und bei EndeGelände die Verdrängung noch funktionieren konnte, weil die Gruben der Lausitz und am Niederrhein nun mal keine attraktiven Touristenziele sind, verfingen diese Realitätsverweigerungsmechanismen in der Rebellion Wave nicht mehr.

Wenn mehrere hundert Menschen vor dem Bundesumweltministerium übernachten, weil sie die Tatenlosigkeit der Regierung nicht hinnehmen wollen, macht dies auch deutlich, dass die Zivilgesellschaft sich der Zukunft verweigert. Wenn diese Gesellschaft an einer nachhaltigen Zukunft interessiert ist, muss sie nun Haltung zeigen. Und wenn es nicht anders geht, müssen den wohlfeilen Worten noch mehr Schlafsäcke und Wärmedecken folgen.

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