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It’s A Media Crisis, Stupid!

Wie konnte über 40 Jahre die Lunte einer existentiellen Bedrohung der Menschheit nahezu unbeachtet von der Weltgesellschaft vor sich hin glimmen? Und warum schafft es ein YouTube-Video mit nassforscher Grundhaltung, die Sichtweise auf die Herausforderungen zur Bewahrung der Schöpfung grundlegend zu verändern? Ein Erklärungsversuch.Am 17.05.2019 berichtete SPIEGEL ONLINE über die langjährigen und erfolgreichen Versuche des Exxon-Konzerns, den Klimawandel zu leugnen. Dem Unternehmen war es über Jahrzehnte nicht nur gelungen, die internationale wissenschaftliche Forschung als ‚Glaubensfrage‘ zu diskreditieren. Unternehmensinterne Papiere weisen ferner aus, dass Exxon bereits vor Jahrzehnten die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre bis zum heutigen Tag exakt vorhersagen konnte.

Die Veröffentlichung des Rezo-Videos ‚Die Zerstörung der CDU‚ ging wenige Tage später online.

Die Bedeutung des Zerstörungs-Videos wird seit dem Europa-Wahlabend, 18:00 Uhr, nicht nur angesichts von Balkendiagrammen in grün, rot und schwarz diskutiert. Eine weitere Diskursebene ist die medientheoretische Aufarbeitung des Rezo-Effektes.

In einem Gastbeitrag der Süddeutschen Zeitung stellt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, seine Sicht der Dinge dar – und legt nebenbei eine massive Krise der vierten Gewalt im Staate, der Medien, offen:

„In der Welt der klassischen Leitmedien und der mächtigen Gatekeeper entschieden Journalistinnen und Journalisten darüber, was als interessant und relevant gelten konnte.“

Das Rezo-Video hat innerhalb von 55 Minuten den Glauben daran zerstört, dass mit medialen Strukturen aus den 20. Jahrhundert die komplexen und existentiellen Probleme des 21. Jahrhunderts überhaupt auf die Diskurs-Agenda gelangen könnten. Noch verheerender: Die Gatekeeper-Struktur der etablierten Medien ist es noch nicht einmal gelungen, die Phrasologie des Nichtstuns in der Politik bloßzustellen. Im Internet, das bekanntlich nichts vergisst, genügt für besten Enthüllungsjournalismus im Idealfall bereits ein Twitter-Screenshot:

„Unter digitalen Medienbedingungen sind die offensichtliche Widersprüchlichkeit und programmatische Hilflosigkeit bereits mit Hilfe von ein paar gut gesetzten Links dokumentierbar. Der Vorwurf der Heuchelei rückt damit ins Zentrum politischer Debatten. Inhaltliche Konsistenz und das Denken in langen, ausbuchstabierten Linien wird unter solchen Bedingungen zum Erfolgsprinzip.“
Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen

Genau das konnten und können die etablierten Medien mit ihrem Denken in Kollektiven und Hierarchien nicht leisten (Wer steht an der Spitze der SPD? Wer intrigiert gegen die CDU-Vorsitzende? Wie beliebt ist der Wirtschaftsminister beim BDI?). Es ist eine körperliche Schmerzerfahrung, die intellektuelle Überforderung der Talkshow-Redaktionen von Plasberg bis Illner zu beobachten. Da wird der Faktencheck zum PDF-Dokument, das für die ZuschauerInnen in den Äther gefaxt wird. Denn mehr als zwei Zahlen in einem deutschen Satz sind eine Drohkulisse für die Einschaltquote.

Wie verheerend die Rolle der Medien sich immer noch darstellt, zeigt das jüngste Beispiel aus Ascheberg in Westfalen. In der begrenzt humorigen Art eines infantilen Wutausbruchs machte der CDU-Bürgermeister seinem Ärger über einen Antrag zum Klimanotstand Luft. Die Lokalpresse wälzte das Thema genüsslich aus und räumte dem Stadtoberhaupt dabei einen breiten Raum ein, um eine offensichtlich faktenarme Meinung in die Diskurs-Landschaft zu stellen. Beleidigung von Rezo inklusive, selbstverständlich. Eine Bewertung der Fakten durch die lokale Presse? Fehlanzeige. Dabei genügt ein Blick in den existierenden Klimaplan der Gemeinde Ascheberg, und schlagartig wird klar, dass die Kommune alle Ziele reißen wird, die für wirksamen Klimaschutz notwendig wären.

Parallel zu den letzten Zeilen in diesem Meinungsartikel trudeln die Meldungen zu den Waldbränden in Berlin-Brandenburg und den Tornado-Ereignissen in Nordrhein-Westfalen ein. In Indien werden täglich neue Rekordwerte von bis zu 51° C erreicht. Einsortiert sind diese Informationen unter dem Themenbereich ‚Wetter‘. Die Medienkrise in diesem Land ist also erst überwunden, wenn über Starkregenereignisse unter der Rubrik ‚internationale Sicherheitspolitik‘ berichtet wird.

 

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