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Jochen Stay ist tot

Der langjährige Anti-Atom-Aktivist Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt und Vorstandsmitglied der von .ausgestrahlt initiierten Stiftung Atomerbe, ist tot. – Ein Nachruf.

Jochen Stay | (C) Bente Stachowske .ausgestrahlt

Ich durfte Jochen während einer Veranstaltung in Meschede kennenlernen. Seine kämpferische und zugleich ruhige Art war bestechend. Er hat viel für die Abschaltung der AKW getan und maßgeblich mitgeholfen, die Antiatombewegung zu stärken. Für seine geleistete Arbeit und unsere gemeinsamen Erfolge, für die er an vorderster Front gekämpft hat, sind wir von Hamm gegen Atom ihm sehr dankbar.

Bei .ausgestrahlt findest du einen Nachruf und eine Pressemitteilung . Auch hat die taz einen Nachruf veröffentlicht. Diesen Veröffentlichungen will und kann ich nichts hinzufügen.

Jochens letzter Newsletter kam am 29.12.2021. Damals hat er auf das abgelaufene Jahr zurück geblickt und Themen, die uns weiterhin beschäftigen werden, sowie neue Termine bekannt gemacht. Aus Dankbarkeit und zur Erinnerung an seine geleistete Arbeit gebe ich seinen letzten Newsletter hier in voller Länge wieder. – Ein langer Text, aber es ist auch ein großes und bedeutendes Thema.

Newsletter von Jochen Stay, (.ausgestrahlt, 29.12.2021)

Genau vor einem Jahr habe ich an diesen Verteiler angesichts der Corona-Situation eine ziemlich verzweifelte E-Mail zum Jahreswechsel geschrieben. Nun ist die Situation für die Gesellschaft insgesamt und auch für die Arbeit von .ausgestrahlt im Augenblick nicht besser als vor einem Jahr. Und trotzdem will ich heute nicht wieder jammern.

Schließlich gibt es gute Nachrichten: Übermorgen gehen die AKW in Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen vom Netz. Dann bleiben nur noch drei, die spätestens in einem Jahr abgeschaltet werden müssen. Bei allen großen Folgeproblemen der Atomenergie-Nutzung, bei allen drohenden Gefahren durch Reaktoren jenseits der Landesgrenzen und trotz Neubauplänen in einigen europäischen Staaten (alles Themen, denen sich .ausgestrahlt intensiv weiter widmen wird): Dass von ehedem 37 Leistungsreaktoren in Deutschland nur noch drei laufen (und das auch absehbar endet), ist ein unfassbar großer Erfolg der Anti-Atom-Bewegung.

Deswegen möchte .ausgestrahlt im Jahr 2022 einerseits dazu beitragen, dass die bleibenden Probleme rund um die Atomkraft nicht aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden. Und andererseits wollen wir mit Dir und vielen anderen zusammen feiern, was diese Bewegung erreicht hat. Nach all den Einschränkungen durch die Pandemie hoffen wir sehr, dass es im Sommer 2022 möglich ist, zusammenzukommen und die Erfolge gemeinsam zu würdigen. Folgende Termine sind dabei wichtig:

Freitag, 3. Juni 2022, Gorleben:
Gorleben raus & AKW aus
Kulturelle Widerstandspartie 2022 – Das Fest zum Erfolg aller Anti-Atom-Bewegten!

Am Pfingstfreitag – eingebettet ins zwölftägige wendländische politische Kulturfestival „Kulturelle Landpartie“ – soll in Gorleben richtig groß gefeiert werden. Organisiert wird das Fest von bewährten Kräften aus dem Wendland. .ausgestrahlt unterstützt mit Rat und Tat. Eingeladen sind anti-atom-bewegte Menschen von überall – also auch Du!

9. Juli bis 7. August 2022
Anti-Atom-Radtour Nord von Tihange (B) bis Berlin
und
13. August bis 4. September 2022
Anti-Atom-Radtour Süd von Kahl/Main bis Freiburg

Beide Touren führen über viele atompolitisch relevante Stationen unterwegs. An den einzelnen Orten wird es Veranstaltungen und Aktionen geben – alles Anlässe, um sich mit (ehemaligen) Mitstreiter*innen zu verabreden, sei es nur für einen Tag an einer Station oder für mehrere Tage Mitradeln.

Samstag, 3. September 2022, Freiburg
Evtl. Abschaltfest für Süddeutschland
zum Abschluss der Süd-Radtour

Diese Idee ist noch nicht völlig in trockenen Tüchern, aber ich möchte sie hier schon mal als „Save the Date“ vorankündigen.

Für manche, die diese Zeilen lesen, sind die Zeiten, als sie selbst aktiv gegen Atomkraft auf der Straße waren, vielleicht schon etwas her. Andere sind noch mittendrin in wichtigen aktuellen Auseinandersetzungen um die Atomenergie und ihre Folgen. Ich möchte alle ermutigen, die große historische Zäsur des Jahres 2022 wahrzunehmen und zu feiern – bei allen Problemen ,die bleiben und die weiter Aufmerksamkeit und Einsatz erfordern. Wir alle zusammen haben Unvorstellbares erreicht. Und darauf können alle, die dazu beigetragen haben, mächtig stolz sein.

Deshalb mein Aufruf: Feier mit! Komm zu den Festen, die 2022 geplant werden! Komm zu einzelnen oder mehreren Stationen der Radtouren! Verabrede Dich dazu mit denjenigen, mit denen Du entweder früher aktiv warst oder noch immer aktiv bist! Kommt zusammen!

Die Idee, schon im Sommer zu feiern, hat natürlich auch damit zu tun, dass unklar ist, ob es im nächsten Winter, wenn dann tatsächlich endlich abgeschaltet wird, große Feste geben kann. Niemand kann heute sagen, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickelt.

*

Womit ich beim zweiten Thema dieser Mail bin, nämlich darauf zu schauen, wie das .ausgestrahlt-Team auch 2021 unter Pandemie-Bedingungen versucht hat, das Beste aus der schwierigen Situation zu machen. Denn da machen wir uns nichts vor: Politische Arbeit fällt in diesen Zeiten, geprägt von Kontaktbeschränkungen, familiären Belastungen und einem im Homeoffice verstreuten Team schwerer als üblicherweise.

.ausgestrahlt hat trotzdem einiges geschafft:

Vor zwei, drei Jahren sah es noch so aus, als könnte es vor dem Abschalten der letzten AKW noch einmal zu einer ernsthaften Debatte über Laufzeitverlängerungen kommen, als könnten die Atom-Fans mit dem falschen Klima-Argument punkten, als könnten Teile der Klimabewegung die Atomkraft als „kleineres Übel“ ansehen, statt zu verstehen, dass sowohl Fossile als Atomkraft Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind. .ausgestrahlt hat deshalb angefangen aufzuklären, zu netzwerken, zu argumentieren und vor allem auch andere größere Organisationen aus der Umweltbewegung dafür zu gewinnen, sich nochmal deutlich zu positionieren. Das hat funktioniert. Inzwischen äußern sich sogar „Fridays for Future“ und „Scientists for Future“ unmissverständlich atomkritisch. Und schließlich hat die neue Ampel-Regierung in ihrem Koalitionsvertrag festgezurrt, dass es beim Abschalten der AKW bleibt.

Vor einigen Monaten sah es noch so aus, als wäre der Streit um die Aufnahme von Atomkraft in die EU-Taxonomie, die nachhaltige Geldanlagen definiert, nur etwas für absolute Insider und eine breitere öffentliche Debatte darüber angesichts der Komplexität des Themas nicht möglich. .ausgestrahlt hat dennoch angefangen, darüber zu informieren, hat Bündnisse geschmiedet, die Klimabewegung sensibilisiert und mit an einer internationalen Vernetzung zum Thema gearbeitet. Inzwischen vergeht kein Tag ohne Berichte in großen Medien zum Thema, es wird an höchster Stelle verhandelt, etwa durch den neuen Bundeskanzler beim EU-Gipfel und der neuen Außenministerin bei ihrem ersten Staatsbesuch in Paris. Selbst wichtige Akteure der Finanzbranche haben sich kritisch positioniert. In diesen Tagen fällt die Entscheidung. .ausgestrahlt macht bis zuletzt weiter Druck.

Vor einem Jahr sah es noch so aus, als wären sich die Umweltorganisationen und Initiativen, die sich mit dem Suchverfahren für ein tiefengeologisches Lager für hochradioaktiven Atommüll beschäftigen, schrecklich uneins über eine sinnvolle Strategie im Umgang mit den staatlich reglementierten Formaten der Beteiligungs-Simulation. Mitmachen oder nicht? Inzwischen haben sich alle in ihrer Kritik daran, wie das Suchverfahren gehandhabt wird, angenähert und im Oktober, maßgeblich von .ausgestrahlt organisiert, eine gemeinsame gut besuchte „Alternative Statuskonferenz“ zur Standortsuche veranstaltet – leider nur im Online-Format.

Vor einem Jahr sah es noch so aus, als ob die baden-württembergische Atomaufsicht und der AKW-Betreiber EnBW damit durchkommen, dass sie den Riss-Reaktor Neckarwestheim 2 einfach weiterlaufen lassen, obwohl es schwerwiegende Bedenken zur Anlagensicherheit gibt – Stichwort: Korrosion in den Dampferzeuger-Rohren. .ausgestrahlt hat nicht locker gelassen, eigene Gutachter*innen bemüht, die Gutachten der Gegenseite auseinandergenommen und immer neue Lücken und Widersprüche in der Argumentation der Behörde und des Unternehmens aufgezeigt. Der Eilantrag auf vorläufige Stilllegung beim Verwaltungsgericht ist noch immer nicht entschieden.

Vor einem Jahr sah es noch so aus, als könnte der zehnte Jahrestag der Fukushima-Katastrophe pandemiebedingt nicht genutzt werden, um auf die anhaltenden Folgen in Japan und auf viele andere Atom-Themen aufmerksam zu machen. .ausgestrahlt hat dann aus der Not eine Tugend gemacht und rund um den Jahrestag eine vielfältige Online-Vortragsreihe organisiert, die auf großen Anklang stieß.

Neben diesen „großen“ Themen hat .ausgestrahlt an vielen weiteren Stellen aufgeklärt, örtliche Aktive unterstützt, unzählige Anfragen beantwortet, mit Journalist*innen gesprochen, vier Magazine veröffentlicht, tagtäglich Infos über die „sozialen“ Medien rausgeschickt, brennende Themen aufgegriffen, und, und, und …

Es gab auch Niederlagen: Es ist nicht gelungen, die Atomgesetzänderung zu verhindern, mit der der Bundestag in seiner letzten Sitzung vor den Wahlen die Klagerechte von Anwohner*innen von Atommüll-Zwischenlagern und anderen Atomanlagen einschränkte. Es ist nicht gelungen, die Ampel-Parteien davon zu überzeugen, die von .ausgestrahlt aufgestellten 21 atompolitischen Forderungen an die nächste Bundesregierung in ihren Koalitionsvertrag zu übernehmen. Da bleibt also weiter viel zu tun.

*

Im kommenden Jahr 2022 wird sich .ausgestrahlt drei Schwerpunkten widmen:

1. Aktuelle Themen und Konflikte
Wie geht es weiter mit der Standortsuche für ein tiefengeologisches Atommüll-Lager? Was wird aus dem unsinnigen Plan, in Würgassen ein riesiges zentrales Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle zu errichten? Wie entwickeln sich die Pläne für AKW-Neubauten in den Nachbarländern? Was wird aus den weiter laufenden Atomfabriken in Lingen und Gronau? Wie geht die Debatte um Atomkraft in der Klimakrise weiter? Was passiert mit den Castor-Behältern, wenn ihre Genehmigung nach 40 Jahren abläuft? Setzt sich die neue Bundesregierung auf europäischer Ebene für den Atomausstieg ein? Wird der Wasserstoff-Hype von der Atomindustrie genutzt, um ihren schmutzigen Strom einem Greenwashing zu unterziehen? Was passiert mit dem Bauschutt aus dem Abriss von Atomkraftwerken?

All diese Themen bedürfen einer kritischen Begleitung aus der Anti-Atom-Bewegung und an manchen Stellen auch handfesten Protests. .ausgestrahlt wird nicht alles gleichzeitig stemmen können. Doch wir arbeiten gerne mit anderen Organisationen und Initiativen zusammen, so dass unterm Strich dann doch einiges möglich wird.

2. Das Abschalten feiern und den Beitrag der Anti-Atom-Bewegung würdigen
.ausgestrahlt ist es angesichts des Abschaltens der letzten AKW wichtig zu zeigen, dass weder Gerhard Schröder und Jürgen Trittin im Jahr 2000 noch Angela Merkel im Jahr 2011 langfristige Ausstiegs-Versprechen abgegeben hätten, dass weder Wyhl noch Wackersdorf, Kalkar oder Gorleben gekippt worden wären, wenn es keinen Druck aus der Bevölkerung gegeben, wenn sich nicht die scheinbar Ohnmächtigen zu einer machtvollen Bewegung zusammengeschlossen hätten.
Deshalb die Feste, deshalb die Radtour, deshalb der Aufruf, gemeinsam zu Feiern.

Doch zusätzlich will .ausgestrahlt den Einfluss der Bewegung auf atompolitische Entscheidungen auch dokumentieren. Im Frühjahr wird ein Buch zur Geschichte der Anti-Atom-Bewegung erscheinen, mit herausgegeben von .ausgestrahlt. Wir arbeiten an einer Ausstellung, die die Geschichte der Auseinandersetzung darstellt. Wir basteln an der Idee eines Online-Museums der Anti-Atom-Bewegung und wollen dazu u.a. Interviews mit Zeitzeug*innen führen.

3. .ausgestrahlt neu denken
Das Abschalten der letzten AKW in Deutschland Ende 2022 bedeutet auch eine Zäsur für .ausgestrahlt selbst. Denn schließlich war das Abschalten seit der Gründung dieser kleinen Anti-Atom-Organisation das Hauptziel unserer Arbeit. Natürlich wird .ausgestrahlt auch in Zukunft viel zu tun haben. Schließlich setzen einige unserer Nachbarstaaten weiter auf Atomkraft. Schließlich gibt es auch in Deutschland noch eine Atomindustrie. Schließlich werden die Atommüll-Probleme immer drängender. Schließlich gilt es zu verhindern, dass in Deutschland irgendwann jemand auf neue AKW setzt.

Trotzdem ändern sich die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit grundlegend. Das liegt auch daran, dass .ausgestrahlt sich bisher hauptsächlich als eine Art „Dienstleister“ für Initiativen und Aktive vor Ort begriffen hat. Doch inzwischen sind viele Menschen zu anderen wichtigen Themen aktiv (was ich nicht kritisiere, denn Atomenergie ist schließlich nicht das einzige drängende Problem).

Was in dieser veränderten Situation der richtige Weg und die richtige Rolle ist, wie eine kleine Organisation die bleibenden atompolitischen Herausforderungen angeht, dazu werden wir uns im nächsten Jahr gründlich Gedanken machen. Zusammengefasst: die Arbeit geht .ausgestrahlt bestimmt nicht aus, doch wir müssen genau überlegen, wie wir mit begrenzten Ressourcen unter sich verändernden Bedingungen die größte Wirkung entfalten können.

Beitragsbild: PeterFranz, pixelio.de

Uli Mandel

Gründer, Administrator und Koordinator des Klimabündnis Hamm. Motto: "Taten, statt warten!“ oder "Auch ein Schritt zurück kann Fortschritt sein." Wer in meinen Beiträgen Fehler findet, sollte sie nicht behalten. Bitte per Mail zuschicken!

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