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Klimawandel: Von der Herausforderung zur Vision

Wann hört die tröstende Lüge des ‚Es ist immer noch gut gegangen‘ auf? Was muss passieren, damit die Menschheit den Klimawandel als Bedrohung der Zivilisation begreift und zu Handeln beginnt?

Ein Gastbeitrag von Gerd Heistermann

Wir Menschen haben die Freiheit, uns den Klimawandel nichts angehen zu lassen. Selbst die plausibelsten Argumente können wir an uns abperlen lassen, denn „wir sind unbelehrbar“, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Auch das Schicksal der Bewohner der Malediven kann uns genauso egal sein wie das Schicksal nachfolgender Generationen – wir haben es in der Hand, denn „wir müssen nicht müssen“ (Lessing).

Aber in unabweisbaren Notlagen können wir auch anders handeln. Wenn Menschen in Gefahr sind, tun wir alles, um sie zu retten: Ob es um Verschüttete geht oder Menschen in Seenot oder was auch immer: die Geschichten kennen wir. Notlagen und Krisen machen Menschen erfinderisch und lassen sie über sich hinauswachsen. Bisher sind die Menschen in ihrer Geschichte immer wieder mal aus Schaden klug geworden. Doch wenn in Zukunft der Klimawandel zur Krise wird und wir ihn hautnah zu spüren bekommen werden, dann ist es zu spät für kluge Maßnahmen, die die Emissionen reduzieren. Und diese bisher nur prognostizierte Herausforderung ist neu für uns Menschen. „Bisher ist es ja immer noch gutgegangen“, sagen sich nicht nur die Kölner. Doch können wir unsere Gewohnheiten rechtzeitig (und damit noch ohne Not!) überwinden???

Ich lade Sie zum Selbsttest ein: Was denken Sie, wenn sie das Wort Klimawandel hören?

Z.B. „viel Lärm um nichts“, oder „das Klima ändert sich ja auch ohne uns“ oder „Was soll ich denn tun?“ oder „Was Deutschland macht ist doch ein Tropfen auf dem heißen Stein“ oder „nach mir die Sintflut: ich lebe jetzt“… Wir haben viele gute Gründe, warum das Thema uns eigentlich wenig angeht.

Der Konsens der Klimaexperten weltweit besagt, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel ungebremst voranschreitet. Der wissenschaftliche Befund sei eindeutig, dass ab einer Erderwärmung von zwei Grad die Welt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den Fugen geraten wird.

Ab zwei Grad taut z.B. der Permafrostboden in Sibirien auf, was dann Unmengen klimaschädliches Methan freisetzt, Regenwälder wird vertrocknen und der Monsun ausbleiben, usw. Über ein Dutzend solcher Kipppunkte gibt es von klimarelevanten Zusammenhängen, die dann unkalkulierbar werden. Und wenn wir das nicht riskieren wollen, dann sollten wir was tun, nämlich weniger CO2 in die Luft blasen aus Kraftwerken, Autos, Flugzeugen und Heizungen…

Bislang sind das für uns nur Berechnungen, und wir nehmen sie nicht wirklich existentiell ernst. Die Menschheit hat es bisher immer geschafft, aus Schaden klug zu werden. Doch wenn die Kipppunkte erreicht sind und der Schaden eintritt, dann ist es zu spät. Erstmals in der Menschheitsgeschichte sind wir so mächtig, dass wir das Klima verändern können und damit unsere Lebensbedingungen in großen Teilen der Welt entweder unerträglich werden oder Massen an Klimaflüchtigen aufnehmen müssen.

Doch wir trösten uns und sagen, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Wir sind Gewohnheitstiere, die sich an fast alles gewöhnen können: Solange der Schaden nicht zu groß ist, machen wir weiter so wie gewohnt. Und haben viele Gründe, unsere Trägheit zu rechtfertigen: „Die anderen machen ja auch nichts“, sagen wir. Doch dieses „weiter so“ hat schon manche Kultur zum Kollabieren gebracht: Die Wikinger in Grönland – sind nicht mehr da. Die Maya gingen zugrunde auch an sich selbst, ebenso wie die Bewohner der Osterinsel. Können wir daraus lernen???

„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken, als in der Befreiung von den alten“ (Keynes).

Was könnte uns aus dem alten Trott befreien und unmöglich scheinendes doch möglich machen? Wie bei z.B. der Apollo-Mission? Gibt es eine Vision, wie die Welt dann aussähe, wenn wir die eine Hälfte des bisherigen Verbrauchs einsparen durch effizientere Nutzung und die andere Hälfte regenerativ erzeugen?

Wie sieht die Welt aus, wenn wir nur noch halb soviel Energie verbrauchen und die andere Hälfte komplett regenerativ erzeugen? Prof. Dirk Messner glaubt, dass wir dann Photovoltaik an jeder Hauswand erzeugen, weil die Folien so billig geworden sind, dass die Straßen viel leerer sind, weil wir uns per Smartphone spontan mit Mitfahrern verabreden können, und die Batterien der Elektroautos speichern Energie. Und mit dem überschüssigen Windstrom machen wir Methan und speichern damit die Energie, und die Flugzeuge werden mit Biosprit betrieben. Und der Umbau wäre bezahlbar mit gut 2% der globalen Wirtschaftsleistung.

Wenn wir die Phantasie haben, den Klimawandel ernst zu nehmen, kann sie unseren Geist beflügeln: Wir brauchen sowohl technische Innovationen als auch soziale, wo es um die Nutzung geht, und der kreative Tüftler ist genauso wichtig wie der Organisator von Tauschringen oder wie derjenige, der weniger konsumiert, weil er für sich andere Lebensqualitäten entdeckt als die, die man fertig kaufen kann.

So unterschiedlich unsere jeweiligen Schritte dann auch sind: Sie weisen alle in die richtige Richtung, weil sie getragen werden von der prinzipiellen Liebe zum Leben in all seiner Fülle und Vielfalt, seiner Kraft und Würde im Sinne Albert Schweitzers:

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

Und jeder Mensch darf auf seine Weise gehen, ohne sich vorschriftsmäßig an einen Masterplan halten zu müssen. Der Klimawandel kann unserer besten Potentiale entfalten und Kräfte wachsen lassen: Mut und Mitgefühl, Phantasie und Kreativität, Findigkeit und Fertigkeiten aller Art. Wenn wir etwas tun, was uns am Herzen liegt mit Menschen, die uns wichtig sind und erfahren, dass wir etwas bewirken können – dann sind drei Faktoren für ein gelungenes Lebens im Sinne der Positiven Psychologie M. Seligmanns erfüllt.

Die Chancen, den Klimawandel in halbwegs erträglichen Grenzen zu halten, beträgt zwei Drittel, selbst wenn wir das ehrgeizige 2-Grad-Ziel erreichen. Der Erfolg ist also nicht garantiert. Und stellt uns vor die Wahl, selber nichts zu tun. Oder wir tun selber etwas, was wir als sinnvoll, als Schritt in die richtige Richtung erleben können – selbst dann, wenn wir scheitern.

Fast so wie Luther, der ja auch dann noch ein Apfelbäumchen pflanzen wollte, wenn er wüsste, das morgen die Welt unterginge …

Gerd Heistermann

Langjähriger Chefredakteur von Radio Lippewelle Hamm. Als Herausgeber des MacherMagazin engagiert ich mich für eine Umgangskultur der Potentialentfaltung, durch die wir kreativer, empathischer und couragierter werden können und so bessere Lösungen für eine gute gemeinsame Zukunft finden. Diese Fähigkeiten stecken in jedem Menschen, aber keine Macht der Welt kann sie anweisen oder gar anordnen. Sie können nur wachsen, wenn wir uns gegenseitig einladen, ermutigen und inspirieren. Ich sehe darin die große Chance für einen Humanisierungsschub für unsere Gesellschaft. Mehr dazu auf gerd-heistermann.de

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