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Kopfsprung in den Abgrund

Die Corona-Pandemie zeigt, dass gesellschaftlicher Egoismus und politische Entscheidungsschwäche zu hohen Opferzahlen führen. Deutschland hat sich dabei der wirksamsten Maßnahme zum Kampf gegen derartige Krisen wie den Klimawandel entledigt: Solidarität.

Am 11.12.2020 vermeldete das Robert-Koch-Institut den bisherigen Höchstwert an Todesopern in der Corona-Krise: 598 Menschen sind in den letzten 24 Stunden dem Virus zum Opfer gefallen. Zum Vergleich: Durchschnittlich sterben in Deutschland im Straßenverkehr neun Personen pro Tag.

Diesen massiven Anstieg der Todeszahlen und die Überforderung des Gesundheitssystems wird von der Wissenschaft seit Monaten exakt so vorhergesagt. Die Leopoldina als Akademie der Wissenschaften hat in einem eindringlichen Appell bereits den harten Lockdown gefordert. Doch bis heute verweigern sich die Regierungen in Bund und Ländern der Verantwortung und scheuen davor zurück, endlich die richtigen Maßnahmen in Kraft zu setzen.

Das ganze Elend der unsolidarischen Verantwortungslosigkeit wird in einem Interview mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier offengelegt. Der Politiker der CDU erklärt kurzerhand den Einkauf in der Weihnachtszeit zu einer patriotischen Pflicht zu einem Zeitpunkt, wo ihm klar war, dass harte Kontaktbeschränkungen so schnell wie möglich greifen müssen. Doch die Angst vor erzürnten WählerInnen, denen man die Weihnachtsfreude nimmt, und um einen erneuten Einbruch der Wirtschaft, wischte alle Bedenken bei Seite.

Dass sich Altmaier dazu hergab, sich mit einem Adventskranz als pseudoreligiösem Kultsymbol fotografieren zu lassen, macht deutlich, dass die Christen-Union ohne jedes Wertefundament agiert.

Doch die Politik reagiert wieder einmal nur auf die Befindlichkeiten in der Bevölkerung. Dort hat der Wahn zu Egoismus und Selbstoptimierung deutliche Spuren hinterlassen und die Solidargemeinschaft als Fundament eines funktionierenden Gesellschaftssystems aufgelöst. Dem Ziel des ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums wird wie selbstverständlich auch menschliches Leben geopfert:

„Eine brutale Seuche geht um. Ihr Name ist weder Covid noch Corona, sondern Spätkapitalismus.“
Sibylle Berg, Spiegel Online

Dazu passt, dass unsere Gesellschaft mit einem Achselzucken hinnimmt, dass europaweit rund 400.000 Menschen an verschmutzter Luft sterben. Ein strengeres Umweltschutzregime scheitert bis heute an der Angst der Politik vor den Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Wo der eigene Skiurlaub wichtiger ist als das Überleben von Menschen im benachbarten Altenheim, bleibt eine Gesellschaft zurück, die ihre Immunabwehr gegen jede Art von Krise verloren hat. Denn das Wesen einer Krise ist ja, dass sie nur durch Kraftanstrengung und Opferbereitschaft zu bewältigen ist. Damit spiegelt das Verantwortungsversagen der Politik lediglich den Zerfall grundlegender gesellschaftlicher Fundamente.

Mit Blick auf Bedrohungen wie den Klimawandel, der bereits nachweislich zu hohen Opferzahlen führt, bleibt die Aussicht verheerend:

„Wie soll das eigentlich beim Kampf gegen den Klimawandel funktionieren, wenn wir noch nicht mal mit einer zwar globalen, aber doch klar umgrenzten Gesundheitskrise wie dieser klarkommen.“
Sebastian Fischer, Spiegel Online

 

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