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Leserbrief zur Ukraine von Hartmut Gliemann

Dieser Krieg ist ein Verbrechen. Daran ändern auch all die Lügen aus dem Kreml  zur Rechtfertigung nichts.

Aber da war doch die Rede von Präsident Putin im deutschen Bundestag 2001, wo er u.a. sagte (auf deutsch!):  „Für unser Land, das ein Jahrhundert der Kriegskatastrophen durchgemacht hat, ist der stabile Frieden auf dem Kontinent das Hauptziel.“ und bezüglich des 11.09.2001: „ Ich finde, dass wir alle daran schuld sind, vor allem wir, die Politiker, denen einfache Bürger in unseren Staaten ihre Sicherheit anvertraut haben. Die Katastrophe geschah vor allem darum, weil wir es immer noch nicht geschafft haben, die Veränderungen zu erkennen, die in der Welt in den letzten zehn Jahren stattgefunden haben.“ – stehende Ovationen im Bundestag. Hat er gelogen?

Man denke an seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007: „Einseitige, oft nicht legitime Handlungen haben nicht ein einziges Problem gelöst. Vielmehr waren sie Ausgangspunkt neuer menschlicher Tragödien und Spannungsherde.“   „Offenheit, Transparenz und Berechenbarkeit sind in der Politik ohne Alternative, aber die Anwendung von Gewalt sollte eine ebenso ausgeschlossen sein, wie die Anwendung der Todesstrafe in den Rechtssystemen einiger Staaten.“     „wie jeder Krieg hinterließ uns auch der „kalte Krieg“ – bildlich ausgedrückt – „Blindgänger“. Ich meine damit ideologische Stereotypen, doppelte Standards, irgendwelche Schablonen des Blockdenkens.“  Hat man diese Aufforderung zum Dialog wahrgenommen?

Was ist in diesem Mann vor sich gegangen hin  zu seiner Äußerung, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion eine geopolitische Katastrophe war, hin zu seinen Bemühungen dieses Reich wiederherzustellen?

Gabriele Krone-Schmalz als ausgewiesene Russland-Kennerin hat es sehr deutlich gesagt, dass man erst einmal verstehen muss, wenn man etwas verändern will. Was aber nicht gleichbedeutend ist mit einem „einverstanden sein“. Wollen wir verstehen, um Einfluss nehmen zu können auf das Ende des Krieges? Wollen die westlichen Staaten sich wirklich ihrer Verantwortung stellen für diese Entwicklung?

Vor 25 Jahren beschrieb der US-Politikberater Zbigniew Brzezinski in einem Buch über Eurasien: Ziel  sei es, „im Hinblick auf Eurasien eine umfassende und in sich geschlossene Geostrategie zu entwerfen“. Hauptakteur sind die Vereinigten Staaten, die in den Bereichen Militär, Wirtschaft, Technologie und Kultur die „einzige globale Supermacht“ seien. Als solche müssten sie ihre Vorherrschaft auf dem „großen Schachbrett“ Eurasien sichern, um langfristig eine neue Weltordnung zu ermöglichen, geleitet von der Vision einer besseren Welt. Ein zentrales Mittel dazu sei die Osterweiterung der Nato.Wird es damit verständlich, dass sich die Führung in Russland durch die NATO-Osterweiterung bedroht fühlte so wie 40 Jahre vorher die USA durch die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba? Haben westliche Politiker dieses Gefühl der Bedrohung wirklich ernst genommen?

Aber das kann und darf jetzt keine Entschuldigung sein für den Krieg. Putin kommt mir vor wie der Junge von der Straße, dem man gesagt hat, du darfst nicht mitspielen (Obama: Russland ist nur noch eine Regionalmacht) und der nun allen zeigen will, wie stark er doch ist. Dabei hat er alles weggeschmissen, was er 2001 oder 2007 gesagt hat – ganz die beleidigte Leberwurst.  Es geht ihm nur  noch um sein Ego und seine jetzige Art der Weltsicht. In seiner „Kriegserklärung wird das deutlich, wenn er davon spricht, dass die russische Politik auf Freiheit beruht und „dass die wahre Macht in der Gerechtigkeit und Wahrheit liegt, die auf unserer Seite sind.„ Das Volk in der Ukraine ist ihm genauso egal wie sein eigenes. Ob ihn da die Sanktionen zur Vernunft bringen werden ist leider fraglich.

Hartmut Gliemann, Hamm

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Beitragsbild: Quelle: Peter Franz, pixelio.de

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