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Nabu zur Biodiversität in Hamm

Zum Bericht im WA am 24.07.2020 zur Volksinitiative Artenvielfalt und dem Interview der Unteren Naturschutzbehörde zu diesem Thema, nimmt der NABU-Hamm wie folgt Stellung:

Die Life-Projekte in Hamm und sicherlich auch der Erlebensraum sind eine Bereicherung für die Natur in Hamm und ein Beitrag zum Erhalt der Biodiversität.
Auch das Engagement aus den Reihen der Hammer Angler hat zur Erhöhung der Diversität an Fischen in der Lippe und Ihren Zuflüssen beigetragen.

Der Artikel suggeriert aber, in Hamm sei der Biodiversitätsverlust eigentlich kein großes Problem.

Diesem Eindruck muss deutlich widersprochen werden. Fangen wir an mit den hervorgehoben Projekten in der Lippeaue. Wie so oft werden als Erfolgsgaranten der Weißstorch und der Biber erwähnt. Von Kiebitzen, Uferschnepfen, Bekassinen, Rohrweihen wird gar nicht mehr gesprochen. Diese Arten bleiben verschollen oder kämpfen auch in den Projektgebieten ums Überleben. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Man sollte meinen, dass es in einem Gebiet, das von der öffentlichen Hand zu Naturschutzzwecken erworben wurde, keine Nutzungskonflikte gibt. Dem ist aber nicht so. Selbst in einem Gebiet mit allerhöchsten Schutzansprüchen (Europäisches Vogelschutzgebiet, FFH-Schutzgebiet und Naturschutzgebiet) werden zu viele Kompromisse mit der Landwirtschaft eingegangen, die eine optimale Entwicklung von Lebensräumen und die Ansiedlung anspruchsvoller Vogelarten erschweren.

Sieht zwar grün aus, ist aber keine Natur. Gedüngtes und durch Einsaat artenarm gemachtes Intensivgrünland, das 4-5 Mal im Jahr gemäht wird, bietet heimischen Vögeln keinen geeigneten Lebensraum. Leider ist das der Standard sogar in unseren Natur- und Vogelschutzgebieten. Foto: J. Hundorf

Schon bei der Planung hat man auf dringend notwendige Vernässungen verzichtet; nach zwei extrem niederschlagsarmen Jahren leidet das Gebiet sehr unter diesen Versäumnissen.
In den Berichten der Biologischen Stationen kann man nachlesen, dass viel Lebensräume zu intensiv bearbeitet werden um Ihrer Funktion gerecht zu werden. Die empfindlichen Vogelarten können sich aufgrund des Flächenmanagements und der erheblichen Störungen im Gebiet nicht erholen oder neu ansiedeln.
Die Feststellung von Herrn Dr. Schmidt-Formann, dass viele Stellen am Fluss unzugänglich bleiben müssen, um der Tier und Pflanzenwelt einen möglichen ungestörten Raum zu bieten, ist voll zu unterstützen. Aber auch hier sieht die Realität anders aus. Fast jeder Flussmeter und selbst sensible Stillgewässer im Vogelschutzgebiet dürfen offiziell beangelt werden.

Mit viel Aufwand wurden künstlich Steilufer geschaffen, um der Uferschwalbe Brutmöglichkeiten zu geben. Angler schätzen die Sandfläche ebenfalls. Schon wenige Störungen genügen, um den Bruterfolg eines ganzen Jahres zunichte zu machen. Foto J. Hundorf

Ständig kann man von den Grenzen des Schutzgebietes beobachten, wie Angler stundenlang im Zentrum der Gebiete verweilen und die Ansiedlung seltener Vögel somit verhindern. Um die Angelplätze zu erreichen geht man weite Strecken durch geschützte Gebiete.
Was viele nicht wissen: Sogar das Jagen auf Wasservögel im Vogelschutzgebiet ist erlaubt.
Dazu kommt eine illegale Freizeitnutzung, die durch die Ordnungsbehörden nicht oder nur unzureichend verhindert wird. Störche und Biber könne mit diesen Beeinträchtigungen leben, andere Tiere nicht!

Außerhalb der Vorzeige-Naturschutzgebiete in der Lippeaue sieht es noch viel schlechter aus.
Gebiets-Checks der Hammer Offenland-NSG durch die Biologischen Stationen zeigen, dass die unter Schutz stehenden Gebiete durch Übernutzung und ein nicht vorhandenes Management in großen Teilen entwertet sind: Bodenbrütende Vögel gibt es nicht mehr, seltene Pflanzen sucht man vergebens.
Die letzten Biodiversitäts-Hotspots in Hamm liegen in den geplanten Gewerbegebieten.
Die Bebauung der K-Park-Süd-Flächen und der großen naturnahen Flächen um das Uentroper Kraftwerk werden die Biodiversität in Hamm weiter in die Knie zwingen. Diese Flächen auszugleichen, wie es im Gesetz vorgesehen ist, ist schlichtweg nicht möglich!

Die nicht geschützten Flächen in Hamm werden überwiegend landwirtschaftlich genutzt und lassen keine Artenvielfalt mehr zu. Das ist nicht nur in Hamm so, sondern in ganz Deutschland.
Seit den 1980er Jahren ist ein erschreckender Feldvogelschwund zu verzeichnen. Feldlerche, Kiebitz, Turteltaube und Rebhuhn, die früher häufig waren, haben Bestandsverluste von bis zu 93 Prozent hinnehmen müssen.
Zählungen der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Hamm bestätigen diesen Trend auch in Hamm.
Blühstreifen, die zum Teil noch aus Gartenblumen und einjährigen Neophyten bestehen, sind ein kleiner Hoffnungsschimmer, werden den Rückgang der Artenvielfalt in der Fläche aber nicht stoppen.
Es sieht also nicht gut aus für den Erhalt der Biodiversität in Hamm, so wie überall in Deutschland, Europa und der Welt.

Niemand kann genau sagen, wann der Verlust unserer Ökosysteme und der Klimawandel nicht mehr korrigierbar sind. Namhafte Wissenschaftler befürchten, dass wir nicht mehr viel Zeit dafür haben werden.
Die Volksinitiative Artenvielfalt ist ein Versuch, die Politik – auch in Hamm – in diesem so wichtigen Themenfeld endlich zum Handeln zu bewegen.
Unterstützen Sie uns deshalb mit Ihrer Unterschrift! (www.artenvielfalt-nrw.de)

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Dirk Hanke

BIGG Hamm

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