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Nach dem Zusammenbruch

Der Zusammenbruch der weltweiten Wirtschaft in Folge der Corona-Schutzmaßnahmen legt die Verwundbarkeit der globalisierten Gesellschaft offen. Wir erleben eine historische Zeitenwende, und die Menschheit steht vor der Frage, welche Konsequenzen sie nun zu ziehen bereit ist.

Die Abhängigkeit insbesondere der westlichen Industrienationen von Rohstoffen und Werkbänken der Elendsregionen unseres Planeten hat die Schattenseiten der Globalisierung offengelegt. Zusammengebrochene Lieferketten für Medikamente und medizinische Schutzkleidung sind nicht mehr nur Planspiele von Wissenschaftlern und Behörden, sondern beherrschen täglich die Nachrichtensendungen.

Die Strategie der rücksichtslosen Optimierung von Wertschöpfungszusammenhängen entlarvt die Pandemie als verantwortungslose Anhäufung von Risiken. Wie gewohnt hat kurzfristige Gewinnorientierung die grundlegenden strategischen Überlegungen zu Vorsorge und Nachhaltigkeit verdrängt. Die Warnungen der Wissenschaft wurden von Politik und Gesellschaft in den Wind geschlagen.

Die Erfahrungen dieses Jahrzehnts lehren, dass die Folgen der Krisen auch in den Wohlstandsnationen nun deutlich zu spüren sind. Vor diesem Hintergrund mahnt Eugen Ruge in seinem Beitrag für die ZEIT Online einen Wechsel der Perspektive an:

„Die Kosten der Globalisierung haben bisher immer die Ärmsten getragen. Die Katastrophen fanden immer woanders statt.“

Ruge weist darauf hin, dass das Verstecken der Folgen eines entfesselten Wirtschaftssystems ein wesentlicher Motor der Globalisierung darstellt – von der Ausbeutung der Menschen in Sklaven-ähnlichen Arbeitsverhältnissen bis hin zur Zerstörung des Planeten durch Rohstoffraubbau und Vermüllung. Es sei ein „Hauch von Katastrophe“, so Ruge, von dem wir nun getroffen werden, der umso härter unsere Gesellschaft trifft, weil das Gesamtsystem der Globalwirtschaft auf ein reibungsloses Funktionieren ausgelegt ist.

Nun aber wird in den Regierungssitzen, Parlamenten und Behörden neu nachgedacht. Es steht eine gewaltige Aufgabe bevor, nach dem Herunterfahren die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Immense Summen werden dazu bereit gestellt, kürzlich erst 500 Mrd. Euro über die Europäischen Institutionen. Gleichzeitig werden Pläne entworfen, welche Wirtschaftsbereiche aufgrund ihrer Systemrelevanz ihre Produktionsstätten zumindest auf den europäischen Kontinent verlagern müssen. Und dabei wird es nur in einem ersten Schritt um Schutzmasken gehen.

Wir werden folglich in den nächsten Monaten einen historisch einmaligen Einsatz von Ressourcen erleben, mit dem weltweit der Kampf gegen die Pandemie und deren Auswirkungen auf die globalisierte Gesellschaft geführt wird. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind dazu dringend geboten, denn die unsichtbare Hand des Marktes hat die Zivilisation in eine Sackgasse geführt.

Ressourcen, die beim Hochfahren und Umbau der globalen Wirtschaft eingesetzt werden, werden bei der Bewältigung zukünftiger globaler Krisen fehlen. Geld, dass jetzt ausgegeben wird, wird beim Kampf gegen Klimawandel und Artensterben fehlen. Es ist also von herausragender Bedeutung, aus der jetzigen Krise heraus die richtigen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen zu treffen.

Die Debatte um den richtigen Investitionspfad hinaus aus der Coronakrise hat begonnen, wie die Äußerungen von Umweltministerin Svenja Schulze, Finanzminister Olaf Scholz oder Ministerpräsident Markus Söder verdeutlichen. Sie wird hart geführt werden, denn es geht um wegweisende Entscheidungen für Generationen:

„Die vielen Milliarden, die heute investiert werden müssen, um eine größere Katastrophe abzuwenden, werden Generationen binden. Deshalb haben wir die Pflicht, das Geld aus unserem nächsten Haushalt besonders klug und nachhaltig zu investieren.“ (Zitat der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Osteransprache zur Corona-Krise festgehalten:

„Wir alle sehnen uns nach Normalität. Aber was heißt das eigentlich? Nur möglichst schnell zurück in den alten Trott, zu alten Gewohnheiten? Nein, die Welt danach wird eine andere sein. Wie sie wird? Das liegt an uns!“

Gerade in Deutschland hat sich die Erfahrung, welche Dynamik eine Krisensituation und deren Bewältigung entfalten kann, in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Das Wirtschaftswunder der 50er Jahre weist dieses Wissen bereits mit dem Begriff aus. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen aus der Vereinigung zweier Deutscher Systeme wirken sich immer noch aus, obwohl die Landmarken längst nur noch historisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern auffallen.

Die Aufruf zur Mitwirkung an der Gestaltung der Zukunft ist also an uns alle ergangen. Denn Nachhaltigkeit und Klugheit fallen nicht vom Himmel, sondern müssen in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung erstritten werden. Die Zeit, in der Entscheidungen getroffen werden für die richtige Strategie ‚Raus aus dem Lockdown‘, wird angesichts der Krise extrem kurz sein. Umso wichtiger, dass sich die Fürsprecher für Klima- und Artenschutz, für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit jetzt zu Wort melden.

Mit dem Denkansatz ‚Exit to Transform‘ will das Klimabündnis Hamm den Anstoß geben, den Streit auch in Krisenzeiten nicht zu scheuen, die Debatte mutig aufzugreifen und den Kampf um die Zukunft des Planeten Erde weiterzuführen.

Denn dies ist jetzt unsere historische Verpflichtung als Bewegung.

 

 

 

 

 

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