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Stapel Zeitungen

Rebellion in Aufruhr

Innerhalb weniger Tage ist es Extinction Rebellion gelungen, das positive Moment der jungen Klimaschutzbewegung in Frage zu stellen. Der Grund: mehrere Interviews des Mitinitiators Robert Hallam, in denen er der Relativierung des Holocausts und andere menschenverachtende Gewaltfantasien freien Lauf lässt.

Mit einem Shitstorm muss Extinction Rebellion eigentlich regelmäßig rechnen, wenn der Vordenker der Bewegung mit der Presse spricht. Doch was Robert Hallam innerhalb weniger Tage in den deutschen Medien veranstaltete, ist nahezu beispiellos. Der deutsche Ableger von XR distanzierte sich zwar rasch von den menschenverachtenden Äußerungen. Doch auch  schärfste Distanzierungen werden unglaubwürdig, wenn nicht auch Konsequenzen folgen.

Zahlreiche Gruppen der Umwelt- und Klimaschutzbewegung sparten nicht mit Kritik an Extinction Rebellion. Dabei machten sie immer wieder strukturelle sowie ideologische Probleme für die Misere bei XR verantwortlich.

Sehr ausführlich und mit einer gut recherchierten Quellenliste hat die Gruppe „Schwarzlicht-Kollektiv“ aus Würzburg sich mit dem Zustand von Extinction Rebellion auseinander gesetzt. Wir veröffentlichen den Text in Auszügen. Das vollständige Dokument kann hier heruntergeladen werden.


Eines der größeren Themen ist das Debakel um XR-Mitgründer Roger Hallam. Stark, dass ihr (in diesem Abschnitt ist mit ‘ihr’ die OG Würzburg gemeint) euch endlich von Hallam distanziert! “We seriously wonder what devil rode him when he said such things to a widely read German broadsheet newspaper.” Nun, das hättet ihr besser formulieren können. Denn für seine Äußerungen trägt einzig und allein Hallam Verantwortung. Nein, kein Teufel ist in ihn gefahren und hat ihn dazu verleitet. Ein typisches Absprechen der Verantwortung, wenn es um Aussagen von Nazis (und in diesem Fall einen einfachen Holocaust-Relativierer) geht. Trotzdem eine dringend benötigte Distanzierung! Euer vorangestelltes Ablenkungsmanöver dagegen ist leider schwach. “Lasst uns nicht den Fokus auf Privatmeinungen von Einzelpersonen legen”, es gäbe wichtigeres. Nein, besonders Hallam muss endlich mehr durchleuchtet werden und eine vorherige Tolerierung ist ein Fehler, welcher auf ein potentielles, verborgenes, aber strukturelles Problem in XR hinweist. Eine Distanzierung eurerseits (und von ganz XR) wäre schon vorher benötigt worden.

Was unterscheidet XR von anderen Umweltgruppen? Das Spiel mit der Wahrheit! XR betont immer wieder, dass sie über die Wahrheit verfügen. Dass sie es sind, die andere dazu bringen, sich der Wahrheit zu fügen. Punkt eins der zentralen Forderungen: Sagt die Wahrheit! Nun sitzen Aktivist*innen vor einem BBC-Gebäude und fordern: “Tell the truth”. Sie halten Schilder mit der Aufschrift “Free press? Prove it! Media tell the truth!”. Damit impliziert XR, dass Medien lügen würden. Desweiteren spielt sich XR als Besitzer der Wahrheit auf. Doch hier fällt auf, dass es unter allen Umweltgruppen gerade XR ist, welche es mit der Wahrheit nicht so genau hält. Fridays for Future und Ende Gelände sind an Fakten interessiert und bauen diese in ihre Analysen und Forderungen ein. Fakten stehen bei XR aber nicht an erster Stelle. Hier werden primär Emotionen geschürt. Es wird vordergründig vom Aussterben geredet, wir seien die “letzte Generation”. Das schürt Ängste. Und mit Ängsten lassen sich Menschen zu unüberlegten Handlungen verleiten. Da klettert ein Aktivist schonmal auf die Louvre-Pyramide.

Was nicht erschreckt, sind Hallams erneut relativierenden Äußerungen. Was erschreckt und erzürnt, das ist euer kühles “numbers game”, wie ihr es selbst bezeichnet. Ihr legt Hallam eine Rechnung vor, welche ihm klar machen soll, dass seine Aussagen gerade in Deutschland die Zahlen der Unterstützer*innen senkt. Statt ihm aufzuzeigen, weshalb “die Einzigartigkeit des industriellen Massenmords an Millionen europäischer Jüdinnen + Juden” (Jutta Ditfurth) nicht als Vergleich für klimapolitische Ziele missbraucht werden darf, erklärt ihr ihm, dass Holocaust-Relativierung ein PR-Desaster sei. Ihr geht so weit, dass ihr mit dem Gedanken des kalkulierten Skandals, welcher bekanntlich zum Gesprächsthema werden kann, spielt; befindet aber, dass ein “Holocaust PR Desaster” insgesamt nicht einen solchen Effekt erzielen würde. Wer so mit der Geschichte umgeht – nämlich als reines Marketing-Tool – hat nichts verstanden! “This PR disaster is likely to cost us dearly in Germany” – wir denken, dass ihr mit dieser Einschätzung Recht bekommen werdet.

Bei Aktionen sollte es nicht das Ziel sein, dass Aktivist*innen körperlicher Schaden zugefügt oder ihre Freiheit eingeschränkt wird. Im Gegenteil, das ist der Worst-Case und sollte unbedingt verhindert werden. Wichtiger als der Erfolg der Aktion ist die Sicherheit der Aktivist*innen.

Eine Aktion darf nicht diejenigen benachteiligen, die ohnehin bereits Opfer des angeprangerten Problems sind. Weiter darf sie sich nicht gegen andere richten, welche die gleichen politischen Ziele verfolgen. Auch muss die Außenwirkung, wenn diese der einzige Effekt einer Aktion ist, bedacht werden.

Für gewöhnlich bewerben wir Veranstaltungen über unsere Kanäle. Für Extinction Rebellion wird das nicht mehr gelten. Auch wird es keine Zusammenarbeit mit XR geben.

 


Das „Schwarzlicht-Kollektiv“ kann über folgende Kanäle erreicht werden:

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