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Schläft Berlin? Wie weckt man die Hauptstadt auf?

Das Klimabündnis Hamm unterstützt Gruppen, die sich friedlich und demokratisch für den Schutz von Klima, Natur und Umwelt einsetzten, dabei unsere freiheitliche Zivilgesellschaft stärken sowie sich für Gerechtigkeit über Grenzen und Generationen hinweg engagieren.

Konkret bedeutet diese Unterstützung, dass wir nicht nur über Aktionen von verschiedenen Gruppen berichten. Wir sind auch vor Ort, nehmen an Aktionen teil, sprechen mit den TeilnehmerInnen. Wir machen uns selber ein Bild von den unterschiedlichen Gruppen in ihren verschiedenen Aktionskontexten. Wir geben Menschen eine Plattform, die ihre Erlebnisse schildern und ihre Motivation darlegen.

Wir tun dies aus der Überzeugung heraus, dass wir nur mit einer breiten, vielfältigen, kreativen, inklusiven und gewaltfreien Bewegung der Zivilgesellschaft den nachhaltigen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde erhalten können.


Bericht von Florian aus Kiel zu den XR-Aktionen in Berlin vom 07.-14.10.2019

Mein Name ist Florian, ich lebe in Kiel, Schleswig-Holstein, bin 32 Jahre alt und wurde im Laufe dieses Jahres (2019) auf Extinction Rebellion aufmerksam. Bevor ich das erste mal in Kiel an einem XR-Cafe teilgenommen habe, hatte ich mich ausführlich über die „Klima- und Naturschutzbewegung“ im Internet informiert und mich mit Freunden darüber ausgetauscht. Mir gefallen die Themen und die Menschen. Es dreht sich viel um Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Artenvielfalt und Nachhaltigkeit. Es ist nicht neu, dass etwas an unserem System nicht im Einklang mit der Natur, Mensch und Tier ist. Viele Menschen weltweit spüren, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen und das die Wahrheit über den Klimawandel, wie Staats- und Betriebsgeheimnisse, von gewissen Gruppen, nicht anerkannt werden. Was tauscht unsere Welt hier? Tauschen wenige Generationen, wenige Konzerne, wenige Organisationen und Verbände und Vereine unsere Welt von heute gegen eine bessere Zukunft für X-weitere Generationen? Geht es in unserer Welt wirklich nur um das Kapital? Könnten wir eine Welt ohne unsere Finanzstrukturen schaffen, die gerechter, fairer, sicherer und nachhaltigere ist? Entfernen wir uns durch unsere Digitalisierung und Automatisierung durch Computer und Smartphones immer mehr von unseren Wurzeln? Ist der Ursprung der Menschheit in Vergessenheit geraten? Und ist das Dorf Planet Erde in diesem Jahrhundert noch zu retten? Leider sind diese Fragen ein Teil unserer Zeit und leider scheinen viele Antworten komplexer Natur zu sein und selten einfach. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis mehr und mehr Menschen aufwachen und bemerken, dass die Wirklichkeit ein Gemeinschaftsprodukt unserer Zeit ist und nicht jeder Mensch auf jede Frage eine Antwort benötigt. Doch bleiben einige wenige, die dafür zuständig sind, die Antworten auf genau diese Fragen schuldig. Denn nicht alle verdienen gleich an unserem System und nicht alle tragen zum gleichen Anteil zum Klimawandel bei.

Ich persönliche trage das Gefühl, dass der Planet unter dem Fußabdruck einiger weniger mehr leidet, als unter den Fußabdrücken Vieler, schon länger mit mir herum. Mehr und mehr offenbart auch die Wissenschaft, dass nicht alle Menschen gleich viel zum Klimawandel beitragen.

Und genau dies war einer der Hauptgründe für mich, zum Klimacamp vom 07. bis 14.10.2019 nach Berlin zu fahren, um mehr über die Themen Nachhaltigkeit, deliberative Demokratie und regenerative Kultur zu erfahren. Ein toller Ort, direkt in der Mitte von Berlin, hat für gut eine Woche eine große Vielfalt an Workshops, Vorträgen, Schulungen und Talks ein breites Spektrum an Auswahl geboten. Neben Angeboten für Kinder in der Nähe des Kunstzeltes, Info- und Sanizelt, hat besonders die Küche mit tollen vegetarischen und veganen Gerichten beeindruckt und überzeugt. Neben vielen Internationalen Gästen war auch Deutschland von Nord bis Süd und von Ost nach West quer durch die Bank vertreten. Viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen haben den Oktober bunt und fröhlich mit Kreativität und positiver Energie gefüllt.

Ach ja, und dann waren da natürlich auch noch die offiziell beantragten Proteste und Demonstrationen, sowie Informationsveranstaltungen und Mahnwachen in Berlin.

Ich versuche einmal knapp zu schildern, welche Eindrücke und Erfahrungen ich sammeln durfte und wie mein Gesamteindruck von der Woche war.

13.10.2019 Berlin
13.10.2019 Berlin

Angefangen am Montag morgen, bei klarem Wetter, bewegte ich mich mit meiner Bezugsgruppe in Richtung SIEGESSÄULE. Gemeinsam mit der Polizei hatten ein paar Hundert Aktivisten den Verkehr blockiert. Es war eine friedliche und positive Stimmung. Neben Singen und Tanzen konnte so ein erstes Ausrufezeichen im Berliner TIERGARTEN gesetzt werden. Der mit Abstand größte Park in Berlin, welcher sicherlich, würde er als Naturschutzpark deklariert, gut für die Atmosphäre, die Luft und den Lärm in der Stadt wäre. Denn, wenn man sich den Stadtplan von Berlin anschaut, könnte man sich als Nichtberliner schon fragen, warum das Denkmal SIEGESSÄULE als Kreisverkehr dienen muss, obwohl dieses Wahrzeichen inmitten der Natur vielleicht einen weitaus größeren Stellenwert haben könnte. Stadtparks und Erholungsräume in Großstädten könnten, abseits von Alltag und Arbeitsleben, echte Lebensqualität und Regenerationsorte darstellen. Insgesamt wurde die Siegessäule knapp 60 Stunden blockiert. Vielleicht keine Meisterleistung, aber für viele Aktivisten bei kalten Nächten mit Regenschauern zwischendurch, keine leichte Aufgabe. Es war nicht so, als hätte die Polizei es begrüßt, dass wir Berlin mal in einem anderen Licht zeigen.

12.10.2019 Berlin
12.10.2019 Berlin

Ähnlich war es Montagmittag auf dem POTSDAMER PLATZ. Ein unglaublicher Nachmittag. Musik, Kunst, Unterhaltung. Sofas, Sandkisten, Badewannen oder Sitzecken aus Europaletten. Der Potsdamer Platz hatte sich in kurzer Zeit in einen großen Abenteuerpark verwandelt. Viele interessante Menschen und Gespräche waren möglich. Die Menschen begegneten sich auf Augenhöhe. Jeder war willkommen und jeder hatte einen guten Grund zu bleiben. Leider verging der Tag viel zu schnell, denn auch an der Siegessäule wurde jede Person benötigt. Es war ein faszinierender Tag, obgleich die Polizei von Beginn an Präsenz gezeigt hat und am frühen Abend mit den Räumungen begann. Einige waren gekommen um zu bleiben, andere hatten sich schon wieder auf den Weg zurück zur Siegessäule gemacht.

Aber es sollten noch weitere Aktionen folgen. Am Mittwoch entstand das gleiche in grün auf der MÜHLENDAMMBRÜCKE in der Nähe vom ROTEN RATHAUS. Ein nicht unbedeutender Verkehrspunkt für die Berliner Innenstadt, denn auch ohne Aktivisten haben die Bau- und Raumordner von Berlin schon ausreichend dafür getan, um die Innenstadt mit Baustellen und Baugruben zuzupflastern. So war es nicht verwunderlich, dass die Belagerung der Mühlendammbrücke den Behörden und der Polizei nicht besonders geschmeckt hat. Nach einigen Stunden wurde die Brücke eingekesselt, hinten und vorne Polizisten, um den „Protest gegen das Aussterben“ zu räumen. Am selben Tag gab es weitere Proteste an der JANNOWITZBRÜCKE und der OBERBAUMBRÜCKE. Die Stimmung war durch und durch friedlich. Die Menschen hatten unterschiedlichste Gefühle und Stimmungen. Nicht jedem war wohl in seiner Haut, doch der gemeinsame Grund hat sie verbunden.

13.10.2019 Berlin
13.10.2019 Berlin

Während der Woche gab es noch weitere Aktionen. Ob zum Gespräch am Verkehrsministerium, an der CDU-Zentrale oder am Innenministerium für Heimat und Bau: Die Umweltaktivisten wollten gerne an vielen Orten ihre Unzufriedenheit über gewisse Positionen kundtun. Häufig war die Polizei zur Stelle. Mal mehr, mal weniger kooperativ. Teilweise schnell, teilweise langsam sollte unser Stören unterbrochen werden. Direkt neben dem ARD-Hauptstadtstudio auf der Marschallbrücke gab es von Donnerstag bis Freitag ebenfalls längere Blockaden. Mehr als 24 Stunden haben sich Männer und Frauen mit Kindern dort für zivilen Ungehorsam eingesetzt und auf diese Weise für Aufmerksamkeit gesorgt.

Eine der beeindruckendsten Aktionen war mit Sicherheit die Demonstration am Freitagnachmittag.

Angefangen am Brandenburger Tor liefen über tausend Menschen quer durch Berlin. Mit bunten Outfits, den typischen Melodien und friedlichen Aktionen ging es bis zur SPD-Zentrale, von dort aus weiter bis in die Stresemannstraße direkt vor das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Auch hier haben wieder viele mutige AktivistInnen ein Zeichen gesetzt. Mit Übernachtung und Lock-Ons, mit Musik, Tanz, guter Laune und offenen Ohren. Es war keine einfache Woche. Viel Energie hat sie gekostet. Gewisse Risiken musste jeder in Kauf nehmen.

Die Organisation abseits vom Klimacamp war kreativ. Es gab unzählig viele Platzverweise. Bestimmt auch den einen oder anderen Schnupfen und Husten. Ich hoffe, die meisten sind wohlbehalten und gesund zurück gekehrt.

Insgesamt war es eine abwechslungsreiche Woche mit einem klaren Statement: Es ist uns wichtig, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Zivilen Ungehorsam zu leisten und darüber zu informieren, was viele nicht wahr haben wollen. Denn wir haben nur einen Planeten und wollen auch keinen anderen. Die Natur steht über den Menschen. Die Tiere zu schützen und die Welt zu erhalten sind unsere wichtigsten Aufgaben. Wirtschaft, Technologie, Wissenschaft und Kapital sind Dinge, die die Welt bereichern sollten, ohne die Haltbarkeit des Planeten zu reduzieren.

Der Kuchen Erde ist für alle da und hat keinen Besitzer.

Gesetze sollten Gerechtigkeit formen und nicht mehr Ungerechtigkeit und mehr Generationsprobleme erschaffen. Ganzheitlichkeit, Inklusion, Fair-Trade und Umweltethik sollten als Fundament unserer Gesellschaft über dem Handel und der Arbeit stehen. Alle sind Steuerzahler hier in Deutschland, kleine und große, aber Steuersünder haben hierzulande mehr Steuervorteile, als dass die Steuern sinnvoll unsere Gesellschaft steuern. Für die Allgemeinheit gilt: Vieles sind Märchen, Brot und Religion sind das Opium fürs Volk.

  • Alles wurde kapitalisiert. Alles kommerzialisiert. Doch wie und wer soll die Zeit und die Natur steuern, wenn Kapital und Kommerz diese verteuern?
  • Wenn Menschen die Tiere und Natur verdrängen und gleichzeitig Maschinen und Roboter Menschen verdrängen: Welche Zukunft ersetzt dann welche Zukunft?
  • Ewiger Wettbewerb, sowie ewiges Wachstum sind Illusionen, die es zu verstehen gilt. Denn ohne Mutter Erde keine Heimat zum spielen!

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