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Scientists4Future Münster: Antiwissenschafts-Kampagne auch in Münster

Pressemitteilung der Scientists4Future Ortsgruppe Münster zum Vortrag von Fritz Vahrenholt

Am 12.02.2020 findet im Zwei-Löwen-Klub eine Veranstaltung des Arbeitskreises Energie & Klima statt, zu der einflussreiche Münsteraner Bürger*innen eingeladen wurden. Prof. Dr. Vahrenholt soll zum Thema „Die deutsche Energiewende – ein drohendes Desaster?“ referieren und dabei auch auf die Frage eingehen, wie viel Zeit noch besteht, um die Erderwärmung zu stoppen.

Um eine gefährliche Entwicklung zu verhindern, haben alle Länder 2015 in Paris beschlossen, die Erwärmung möglichst bei 1,5 °C, jedenfalls aber deutlich unter 2 °C zu halten. Nach dem IPCC darf die Menschheit für das 1,5 °C-Ziel in weniger als 8 Jahren kein CO2 mehr emittieren, wenn sie so weitermacht wie derzeit. Leandra Praetzel, Ansprechpartnerin von Scientists for Future Münster, erläutert: „Das macht deutlich, wie schnell wir unsere Emissionen reduzieren müssen, wenn wir das Pariser Übereinkommen ernst nehmen. Der Rat der Stadt hat im Dezember diskutiert, welcher Teil dieses wissenschaftlichen errechneten Budgets Münster zusteht. Um wenigstens dem Minimalziel gerecht zu werden, hat er beschlossen, dass Münster bis 2030 klimaneutral werden soll.“

Prof. Dr. Vahrenholt ist kein Klimaforscher. In der Vergangenheit hat er trotzdem wiederholt Erkenntnissen der Klimaforschung widersprochen. Letztes Jahr hat er ein Schreiben an die Mitglieder des Bundestages verfasst, in dem er ohne wissenschaftliche Grundlage behauptet hat, die Erreichung der Pariser Klimaziele sei ohne Emissionsreduktion möglich. Dr. Mathis Bönte, Ansprechpartner von Scientists for Future Münster, kommentiert: „Das sind natürlich keine guten Vorzeichen für die Veranstaltung, die anscheinend Teil einer größeren Kampagne ist. Sollen politische Entscheidungen sachgerecht sein, müssen sie sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Dies gilt auch auf nationaler Ebene. Bislang verweigert die Bundesregierung eine Diskussion über die Frage, welcher Anteil des verbliebenen Emissionsbudgets Deutschland zustehen soll. Ich befürchte, der Vortrag soll dazu beitragen, dass es so bleibt.“

Die Ausgangsfrage der Veranstaltung lässt sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen folgendermaßen beantworten: eine sichere Vollversorgung mit erneuerbaren Energien ist möglich und wirtschaftlich sinnvoll.


Der vollständige Text von Scientists4Future mit weiteren Fakten und Quellenangaben kann hier heruntergeladen werden.

Kontakt: S4F-muenster@klimanetz.org


Hintergrund-Informationen

Der IPCC fasst die Ergebnisse der Klimaforschung in seinen Berichten zusammen. Sie stammen im Wesentlichen aus Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Dort erscheinen nur Beiträge, deren Qualität durch unabhängige Gutachter aus demselben Fachgebiet bestätigt wurden (peer review). Wissenschaftler erörtern auf diese Weise Fragen, die für eine öffentliche Diskussion zu komplex sind. Dazu gehört auch die Frage, inwieweit sich die Erde durch welche Menge an Treibhausgasemissionen erwärmt. Die diesbezüglichen Berechnungen des IPCC haben sich bisher als zuverlässig erwiesen. Zur Erwärmung von 1,5 °C hat er im Jahr 2018 einen Sonderbericht erstellt. In diesem hat er auch die verbleibenden CO2-Budgets dargestellt. Das für 1,5 °C reicht danach bei derzeitigen Emissionen noch für knapp 8 Jahre.

Für einzelne Staaten oder Städte stellt sich die Frage, ob sie sich am 1,5 °C – Ziel orientieren oder wie sie „deutlich unter 2 Grad“ interpretieren. Weil sich die Berechnungen des IPCC auf die weltweiten Treibhausgasemissionen beziehen, muss darüber hinaus politisch geklärt werden, welchen Teil des verbliebenen Budgets sie für sich beanspruchen. Fridays for Future fordert, dass Deutschland 2035 netto-null erreichen soll, was sich am Budget für 1,75 °C orientiert. Münster hat – entsprechend der lokalen Forderung von Fridays for Future – beschlossen, als Vorreiter auf Klimaneutralität bis 2030 hinzuarbeiten. Die Bundesregierung orientiert sich nicht an wissenschaftlich ermittelten Budgets und verweigert auch eine Diskussion darüber.

Zur Erreichung ambitionierter Klimaziele müssen erneuerbare Energien massiv ausgebaut werden. Zahlreiche wissenschaftliche Studien sind zu dem Ergebnis gelangt, dass eine sichere Versorgung mit erneuerbaren Energien nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Für Deutschland hat das Umweltbundesamt im Jahr 2010 gezeigt, dass eine Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien bereits mit der damals verfügbaren Technik realistisch war. Einen anschaulichen Eindruck von den Möglichkeiten vermitteln Projekte des Fraunhofer Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik. Auch im Energiebereich werden jedoch immer wieder Mythen gestreut, die Zweifel hieran wecken sollen. Dazu gehört beispielsweise die Behauptung, erneuerbare Energien könnten keine Vollversorgung sicherstellen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. In solchen Situationen können Gaskraftwerke einspringen, die deutlich flexibler sind als Kohle- und Atomkraftwerke. Sie können mit Gas betrieben werden, das klimaneutral hergestellt wird, während Wind- und Photovoltaikanlagen überschüssigen Strom produzieren.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt beruft sich zwar gelegentlich auf Erkenntnisse der Klimaforschung, verzerrt diese aber. Dies gilt auch für seine Behauptung, zur Erreichung der Pariser Klimaziele sei keine Emissionsreduktion nötig. Er hat sie nicht in einer Fachzeitschrift o.ä. veröffentlicht. Der leitende Forscher der Originalstudie, auf die Herr Prof. Dr. Vahrenholt sich beruft, hat dieser Interpretation entschieden widersprochen. Unterhaltsam ist insbesondere diese Auseinandersetzung mit den Behauptungen Vahrenholts. Tatsächlich dürften die CO2-Budgets im Sonderbericht des IPCC großzügig berechnet sein, weil sie beispielsweise keine Treibhausgasemissionen aus tauenden Permafrostböden berücksichtigen.

Vor diesem Hintergrund sind wir überrascht, dass Herrn Prof. Dr. Vahrenholt ein solches Forum geboten wird. Er selbst ist SPD-Mitglied und seine Website kaltesonne.de Kooperationspartner einer Kampagne, die mit irreführenden Klimafragen versucht, wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel zu ziehen. Beteiligt ist auch die Werteunion. Die Bundesgeschäftsstelle der CDU verweigert bislang einen Kommentar. Der Zwei-Löwen-Klub, in dessen Räumlichkeiten die Veranstaltung stattfinden wird, ist ein Gesellschaftsklub, in dem zahlreiche angesehene Münsteraner Bürger Mitglied sind und der beispielsweise zu seiner diesjährigen Neujahrsveranstaltung den Rektor der WWU Münster Herrn Prof. Dr. Johannes Wessels eingeladen hat. Veranstalter ist der Arbeitskreis Energie & Klima Münster. V.i.S.d.P. ist Dr. Walter Fricke, bei dem es sich um den ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der SPD handelt. Sprecher des Arbeitskreises ist u.a. Dr. Ulrich Müller, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Ortsunion Münster Süd, der dem weiteren Sprecher und Windkraft-Gegner Prof. Dr. Werner Mathys bereits ein solches Forum geboten hatte. Unseren Informationen nach ging die Einladung – ungeachtet der Ratssitzung am selben Abend – u.a. an die Mitglieder des Rates.

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