Skip to main content

Sternmarsch zum Friedhof der Dörfer

Sternmarsch der bedrohten Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier

Ein Bericht von Bianca, Extinction Rebellion

Am 23. März 2019 fand, ausgehend von den durch den Braunkohletagebau im Rheinland bedrohten Dörfern, ein Sternmarsch statt.

Nicht nur im Rheinland, auch in der Lausitz sind aktuell weiterhin Dörfer vom Abriss bedroht, um für den schmutzigen und inneffektiven Energieträger Braunkohle zu weichen.

Aus Hochneukirch Richtung Tagebau | (C) Bianca (#7)

Extinction Rebellion (XR) hatte einen eigenen sogenannten Schweif von Hochneukirch aus angemeldet, weil dies eine klimafreundliche Anreise mit der Bahn erleichterte. Weitere Gruppen schlossen sich dem Schweif aus Hochneukirch an.

Nicht allen Teilnehmern von Extinction Rebellion war es möglich, mit der Bahn anzureisen. Einige reisten mit dem Auto an und wollten sich vor Beginn des Sternmarschs noch ein Bild vom mittlerweile fast gänzlich zerstörten Immerath machen. Immerath musste schon dem Tagebau weichen und erlangte vor etwas mehr als einem Jahr traurige Berühmtheit, weil auch regelmäßig denkmalgeschützte Gebäude wie der Immerather Dom für den Tagebau weichen mussten. Als nächstes denkmalgeschützes Gebäude steht zum Abriss die Kirche in Manheim an.

In Immerath angekommen, wo auch ein Sternschweif startete, machten sich zwei XR-ler auf den Weg ins „Rest-Dorf“. Der Bauzaun stand an einer Stelle offen, so dass ein ungehindertes Betreten möglich war, auch wenn ein Arbeiter hinterherrief, dass es sich um eine Baustelle handele und den Zaun hinter den XR-lern dann schnell schloss. Bewusst wurde dieser zivile Ungehorsam hier von Extinction Rebellion in Kauf genommen, um mit eigenen Augen die Zerstörung sehen und fotografisch festhalten zu können.

Tagebau Garzweiler | (C) Bianca (#13)

Jedem, der noch nicht im Rheinischen Revier war und den Tagebau, die Dörfer, die gerade abgerissen werden (Manheim, Immerath und die ersten Häuser in Morschenich) und die Dörfer, die vom Abriss in den nächsten Jahren bedroht sind, gesehen hat, sei es dringend ans Herz gelegt, dorthin zu fahren. Nirgends sonst kann man schneller und intensiver erfahren, welche immensen Auswirkungen eine verfehlte Energiepolitik hat.

Der Gang durch Immerath war bedrückend. Kleine Details erinnern daran, dass hier nicht nur Leute gelebt haben, sondern dass es ihre Heimat war und ein Stück Lebensgeschichte, welches unwiderruflich nicht verloren geht, sondern bewusst zerstört wird. Ein liebevoll angefertigtes Hoftor, ein Mistelzweig unter einem Lichtschalter in einem Stallgebäude, die Kinderzimmertapete, die bei einem halb abgerissenen Haus noch deutlich sichtbar ist, eine historische Haustür.

Immerath am Tagebau | (C) Bianca (#5)

Das alles in einem zerstörten Dorf, welches an einen Kriegsfilm erinnert. Dieser unbegreifliche Zustand hat nichts mit einer hochzivilsierten Gesellschaft zu tun, die angesichts der täglich neuen bedrohlichen Meldungen über den Klimawandel und die Umweltzerstörung endlich nicht nur umdenken, sondern sofort handeln muss. Immerhin war der Friedhof noch da, im Gegensatz zu Manheim am Hambacher Wald, wo die meisten Gräber mittlerweile umgesiedelt wurden.

Fast am Ende des Dorfes wurden die XR-ler von einem Security-Mitarbeiter aufgesucht, der sie freundlich aber bestimmt hinausgeleitete. Es entstand ein Gespräch. Der Mitarbeiter versicherte, dass man die Bewohner (anfangs) sehr gut abfinden würde. Außerdem würde alles, was noch brauchbar wäre, verwertet und es gäbe auch alte Häuser, die aufgrund der Substanz eh nicht mehr lange gestanden hätten.

Immerath stirbt | (C) Bianca (#3)

Geld statt Heimat, Geld statt Lebensgeschichte, Geld statt Erinnerungen, Geld statt Werten wie Moral, Glaube, Gerechtigkeit. Auch wenn die XR-ler diese Einstellung nicht nachvollziehen konnten, so war es doch wichtig, das Gespräch mit allen Seiten zu suchen. Nur so werden wir uns annähern können und die Möglichkeit haben, Menschen von unserem Anliegen zu überzeugen.

Nach dem Gang durch Immerath sollte es mit dem Auto zurück nach Hochneukirch gehen, um dort gemeinsam auf den Sternmarsch zu gehen. Leider erwies sich das unerwartet als ein Problem. Die Polizei hatte ohne Begründung auf einmal jede Strecke von Immerath und Keyenberg nach Hochneukirch abgeriegelt. Es gab kein Durchkommen. Erst nach hartnäckigem Weiterfahren, bis endlich eine Kreuzung gefunden wurde, an dem ein einzelner Polizist stand, der telefonierte und deswegen in die gewünschte Richtung durchließ, konnte der Weg nach Hochneukirch mit einem Riesenumweg angetreten werden.

In Hochneukirch versammelten sich diverse Ortsgruppen von Extinction Rebellion und weitere Gruppen sowie Einzelpersonen am Bahnhof. Es waren auch Kinder dabei. Die älteste Person war 92 Jahre und lief die 5,5 Kilometer tapfer mit seinem Rollator.

Reste von Immerath; Im Hintergrund der Braunkohlebagger | (C) Bianca (#1)

Der Schweif aus Hochneukirch führte direkt am Tagebau Garzweiler vorbei. So hatten alle, die den Braunkohletagebau noch nie selbst gesehen haben, die Möglichkeit, die Auswirkungen dieser Energieform mit eigenen Augen zu sehen. Es stellte sich heraus, dass die Polizei eine andere Auffassung davon hatte, warum diese Strecke von Extinction Rebellion ausgewählt worden war. Direkt beim Start begleitet von einem auffälligen Polizeiaufgebot samt Hubschrauber stellte sich heraus, dass die Polizei sich zusätzlich versteckt im Tagebau positioniert hatte, weil sie anscheinend damit gerechnet hatte, dass dieser durch den Schweif aus Hochneukirch besetzt werden sollte.

Der Tagebau selbst mutet an wie eine Szene aus einem „Herr der Ringe“-Film und wird von vielen nur „Mordor“ genannt. Kilometerweit ein mehrere hundert Meter tiefes Loch in Braun und Grau.

Pause am Tagebau | (C) Bianca (#8)

Auch an einer weiteren Zufahrt zum Tagebau befand sich eine massive Abriegelung und Präsenz der Polizei. Die Kante zum Tagebau hingegen war nicht gesichert. Hinter dieser Kante geht es steil in den Tagebau hinab. Der Versammlungsleiter hatte dafür Sorge zu tragen, dass dieser Bereich nicht betreten wird. Da von Weitem nicht sichtbar war, dass es sich um eine Steilkante handelte, es auch keine Warnschilder oder sonstige Absperrungen gab, gingen zahlreiche Menschen an diese Kante, um einen Blick in den Tagebau und auf die Bagger zu werfen. Die Polizei kümmerte sich nicht darum, dass die Menschen sich in Gefahr begaben, verwiesen auf den Versammlungsleiter und sicherten nur den Tagebau vor einer Besetzung. Da stellt sich als steuerzahlender Bürger (mal wieder) die Frage, warum so viel Geld dafür ver(sch)wendet wird, das Eigentum eines Großkonzerns zu schützen und nicht vorrangig die Teilnehmer des Sternmarsches zu sichern. Außerdem muss gefühlt jedes Loch im Bürgersteig besser abgesichert werden als ein Braunkohletagebau, der noch nicht einmal von einem Zaun umgeben ist.

Ankunft in Keyenberg | (C) Bianca (#14)

Bei unserer Ankunft in Keyenberg wurden wir, wie alle Schweife, von der Bühne aus begeistert begrüßt. Die Dorfbewohner waren sehr gerührt, dass so viele Menschen – insgesamt etwa dreitausend – gekommen waren. Für mich stellt sich trotzdem immer die Frage, gerade angesichts der Nähe zu Großstädten wie Köln und Düsseldorf, warum zu jedem großen Fußballspiel mehr Menschen kommen.

Die Organisatoren hatten das Programm liebevoll und kreativ zusammengestellt. Neben einem Bühnenprogramm gab es am Ortseingang einen Friedhof der Dörfer. Dort waren alle Ortsschilder der Dörfer mit einem Kreuz darauf vertreten, die bereits dem Tagebau weichen mussten.

Friedhof der Dörfer | (C) Bianca (#12)

Die noch stehenden bedrohten Dörfer waren mit einem widerständigen roten BLEIBT! versehen. Das Ganze war sehr berührend.

In einem vom Abriss bedrohten Ponyhof gab es eine Ausstellung mit Bildern von den Dörfern, den Bewohnern, dem Abriss und dem Widerstand. Die Anspannung, die seit Jahrzehnten die Dörfer angesichts der Bedrohung durch den Tagebau erfasst hat, war überall zum Greifen spürbar und nur schwer auszuhalten. Dabei wurde von den Organisatoren darauf hingewiesen, dass nicht alle Bewohner mit der Veranstaltung einverstanden seien und dementsprechend solle man sich rücksichtsvoll verhalten.

Schild in Keyenberg | (C) Bianca (#11)

Es gibt Bewohner, die haben aufgegeben und wollen jetzt nur den Umzug schnell hinter sich bringen und nach Jahrzehnten des Kampfes endlich einmal Ruhe haben. An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine veraltete Energiepolitik weltweit nicht nur fatale Auswirkungen auf das Klima hat, sondern auch zu Unfrieden in ganzen Regionen und Ländern führt. Klimapolitik ist also auch Friedenspolitik und beides steht bei Extinction Rebellion als gewaltfreie internationale Bewegung zivilen Ungehorsams im Fokus.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Uli Mandel

Gründer, Administrator und Koordinator des Klimabündnis Hamm. Motto: "Taten, statt warten!“ oder "Auch ein Schritt zurück kann Fortschritt sein." Wer in meinen Beiträgen Fehler findet, sollte sie nicht behalten, sondern diesebei uns einreichen.

Schreibe einen Kommentar