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Systemschmelze #3

Wenn es mehr Tage des Widerstandes gegen Waldrodungen, fossile Infrastrukturen und Atommüll-Transporte gibt als normale ArbeitnehmerInnen Urlaub haben, dann lässt sich das durchaus als gesellschaftliche Fundamentalkrise deuten. Doch wie schlimm steht es wirklich?

Mit den Protestaktionen von EndeGeläde im rheinischen Braunkohlerevier, von XR bei BerlinBlockieren und den BaumbesetzerInnen im Danneröder Forst wird deutlich: Die Klimakrise hat eine gesellschaftliche Dimension erreicht, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Wie sonst ist zu erklären, dass die hessischen Grünen einen Koalitionsvertrag mit der CDU unterschrieben haben, der im Kleingedruckten den Bau unsinniger Autobahnen einschließlich der Rodung von Wäldern vorsieht?

Moment – da war doch was? Genau: Vor unseren Augen läuft eine ungeheure Naturkatastrophe ab, die außer ein paar sentimentalen Ökos niemanden zu interessieren scheint. Der Wald stirbt immer noch, auch wenn das Thema gerne verdrängt wird:

„Das dritte Dürrejahr in Folge hat zu einem weiteren Absterben ganzer Waldflächen geführt“
Larissa Schulz-Trieglaff, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände

Aktuell müssten etwa 300 Millionen Bäume nachgepflanzt werden, was rund 640 Millionen Euro kosten würde. Und dabei hat die Klimakrise noch nicht einmal richtig Fahrt aufgenommen.

Der vergangene September war der heißeste je gemessene September. Die heißesten sieben September-Monate lagen in – genau – den letzten sieben Jahren. Wer bei den ganzen Zahlen den Überblick verloren hat, kann sich gerne anhand folgender Graphik orientieren.

Globale Temperaturveränderungen in den letzten 2000 Jahren

Die Gegenwart befindet sich am rechten oberen dunkelroten Ende der Abbildung.

Ausdehnung des arktischen Eisschildes im Jahresverlauf

Passend dazu erreicht der Eispanzer der Arktis immer neue Minus-Rekorde. Der Abstand zu einem eisfreien Nordpolarmeer nimmt immer mehr ab. Vor wenigen Tagen ist die Polarstern von einer 10-monatigen Forschungsreise zurückgekehrt. Ziel der größten Polarexpedition alles Zeiten war es u.a., die Auswirkungen des Klimawandels zu dokumentieren. Die Eindrücke des Forschungsteams waren katastrophal:

„Wir haben dem Eis beim Sterben zugeschaut.“
Expeditionsleiter Markus Rex

Und weil wir gerade dabei sind: Im November steht ein CASTOR-Transport von Sellafield nach Biblis an. Das ist zwar völlig unsinnig, weil es ja bis heute noch kein funktionierendes Endlager für den tödlichen Strahlungsmüll gibt. Hinzu kommt, dass angesichts der Corona-Pandemie der Einsatz von zehntausenden PolizistInnen ein enormes gesundheitliches Risiko darstellt.

Dieser Atommülltransport könnte uns als Gesellschaft aber auch an eine tiefe Weisheit von vorsorgender Politik erinnern: Wer Probleme nur aufschiebt, aber nicht löst, macht die Sache nur schlimmer. Und das weiß inzwischen jeder Eisbär.

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