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Systemschmelze #7

Es ist Wahlkampf! Superwahlkampf!. Dabei wird deutlich, unter welchen Symptomen der Klimakrise die Menschen in Deutschland besonders leiden müssen: Realitätsverlust der Politik.

Erfreulicherweise hat der WDR den Instagram-Kanal „klima.neutral“ eröffnet, über den rund um die Klimakrise informiert wird. Viele Medienschaffende fordern ja immer drängender, dass die Bedrohung durch den Klimawandel mehr Raum in der öffentlichen Berichterstattung erhalten muss, wie z.B. die Initiative „#KlimaVor8“. So weit, so gut also.

Bis – ja, bis ein gewisser Herr Lambsdorff Wahlkampfwerbung für Bündnis 90 / Die Grünen witterte und entsprechend überhitzt auf Twitter reagierte.

Ich finde es sehr ehrenwert, dass Herr Lambsdorff sehr subtil deutlich gemacht hat, dass man seine Paretei, die FDP, dann besser doch nicht wählen sollte.

Die Energiewende-Statistik des Grauens lieferte in der letzten Woche ein anderer wahlkämpfender Mann: der CDU Vorsitzende Armin Laschet. Er prahlte damit, dass sein Bundesland unter seiner Führung den Spitzenwert von 93 Windkraftanlagen in die Landschaft gehauen hat.

Dumm nur, dass nach Schätzungen von FridaysForFuture pro Jahr ca, 2500 Windkraftanlagen benötigt werden. Auch der Verein Deutscher Ingenieure VDI machte in der vergangenen Woche in einer Veröffentlichung deutlich, wie es um die Energiewende bestellt ist:

„Das Ziel einer Defossilierung der Energiesysteme rückt damit zwar näher, aber die bisherige Dynamik des Ausbaus der regenerativen Energien reicht bei weitem nicht aus, um das gesetzte klimapolitische 1,5 °C-Ziel zu erreichen.“

Somit hat der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wieder einmal deutlich gemacht, warum er auf keinen Fall weiter Verantwortung in Deutschland übernehmen darf – er leidet an Realitätsverlust.

Aus dem Waldzustandsbericht: Die Absterberate von Bäumen im deutschen Wald ist erschreckend in die Höhe geschossen. (Quelle: www.wetter.de)

Dieser politische Realitätsverlust hat dramatische Folgen. Denn – Achtung! – der Wald stirbt. Ja, tatsächlich. Wer hätte das gedacht. Der diesjährige Waldzustandsbericht ist verheerend:

  • Noch nie waren so viele Erhebungs-Bäume abgestorben wie 2020.
  • Vier von fünf Bäumen haben lichte Kronen, konkret:
    • 79 Prozent der Fichten.
    • 80 Prozent der Kiefern.
    • 80 Prozent der Eichen.
    • 89 Prozent der Buchen.
  • 37 Prozent aller Bäume weisen deutliche Verlichtungen auf

Auf der WebSite des Bundeslandwirtschaftsministeriums lässt die Zuständige Ministerin Julia Klöckner (CDU) auch Maßnahmen gegen das Waldsterben auflisten. Ist dort der Klimaschutz erwähnt? Die Energiewende? Die rasche Reduzierung von Treibhausgasen? Nein, natürlich nicht. Die Bundeslandwirtschaftsministerin hätte niemals eine verantwortungsvolle Position einnehmen dürfen.

Quelle: pik-potsdam.de

Wir schieben an dieser Stelle einmal kurz ein, dass gerade in der gesamten Nordhalbkugel Temperaturrekorde purzeln: Während in Texas die Hölle einfriert, die Energieversorgung zusammenbricht und knapp 50 Menschen sterben, werden in Europa reihenweise Temperaturrekorde pulverisiert. Die Ursache könnten Veränderungen von Luftströmungen rund um die Arktis sein.

Diese Woche hat das Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung PIK eine Untersuchung zu dem Thema veröffentlicht und kommt zu dem Ergebnis:

„Noch nie in über 1000 Jahren war die Atlantische Meridionale Umwälzströmung (AMOC), auch als Golfstrom-System bekannt, so schwach wie in den letzten Jahrzehnten: Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie von Wissenschaftlern aus Irland, Großbritannien und Deutschland.“

Diese Realität findet sich mit einer Ausnahme in keinem Wahlprogramm der Parteien wieder, die im Bundestag sitzen. Und die Konsequenzen? Sind brutal, wenn politische Wolkenkuckucksheime auf die harte Wirklichkeit treffen.

Die Chefin des UN-Klimasekretariats, Patricia Espinosa, hat am 26.Februar den Zwischenbericht über die nationalen Klimaziele vorgelegt. Das Ergebnis: Mit den aktuellen Verpflichtungen der weltweiten Staatengemeinschaft würden lediglich rund ein Prozent der weltweiten Treibhausgase eingespart. Nötig sind laut Berechnungen des Weltklimarats mindestens 45 Prozent Verringerung bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2010.

Der Climate Action Tracker gesteht derzeit nur zwei Ländern zu, Klimaziele formuliert zu haben, die dem Maßstab des 1,5-Grad-Ziels genügen: Gambia und Marokko. Die Zeit Online betitelte das Drama ganz schlicht:

Wenn die Welt so weitermacht, landen wir bei zwei bis vier Grad plus

 


„Das Desaster eine Naturkatastrophe zu nennen, wäre allerdings unzutreffend. Es ist das Resultat eines uneingeschränkten Glaubens an die Weisheit des freien Markts, der Priorisierung von Profiten über Sicherheit und der Ignoranz der wissenschaftlichen Belege für den Klimawandel.“

Heike Buchter zur Winterkatastrophe in Texas, ZEIT Online

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