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Tricksereien und Fehlplanung?

Was war in den Lippewiesen wirklich geplant?

v. li. n. re.: Dirk Klingenberg (Projektleiter Lippeverband), Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann, Dr. Emanuel Grün (Technischer Vorstand Lippeverband), Dr. Oliver Schmidt-Formann (Leiter Umweltamt), Silke Bielefeld (Projektleiterin Stadt Hamm) und Umweltdezernent Jörg Mösgen, © Thorsten Hübner, Quelle: hamm.de

Die Stadt will den Lebensraum Lippe zum „ERlebensraum“ machen. Schon dieses war eine fragwürdige Namensfindung. Der aufmerksame Leser des Westfälischen Anzeigers vom 03.09.2019 (WA) fragt sich gerade: „Sollen Tricksereien eine Fehlplanung in den Lippeauen kaschieren oder war das schon immer so gedacht?“. Dort soll nun ein aufgeschüttetes Hochplateau entstehen. 50.000 m² groß. Nach Angaben des WA „eine Fläche so groß wie fünf Fußballfelder“. Selbst diese Angabe ist geschönt. Das für Länderspiele vorgeschriebene Spielfeld ist 7140 m² groß. Die geplante Aufschüttung in den Lippeauen wird demnach sieben Fußballfelder groß sein! Dieses wird uns nun als „geänderter Plan“ verkauft, der es ermöglichen soll, 18000 LKW-Fahrten zu vermeiden. Wahrscheinlich wird von uns Klimaschützern nun erwartet, dass wir angesichts dieser CO2-Einsparung jubeln. – Mit Sicherheit wird es dazu nicht kommen angesichts der Fragen, die sich uns gerade stellen!

Es ist ja wohl eine deutliche Nutzungsänderung geplant. Warum sollte man sonst jetzt plötzlich Parkplätze ergänzen wollen? Am 29. Juli haben mir Silke Bielefeld von der Stadt Hamm und Dirk Klingenberg vom Lippeverband vor Ort im Info-Container gesagt, dass keine Parkplätze gebaut werden. Wieviel kann ich jetzt noch von dem glauben, was sie mir damals erzählt haben?

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Es wird eine Fläche, die ideal ist für Kirmes, Zirkus und Rockfestival mit Rummel, Lärm und viel Licht. – Alles Großereignisse, die sich nicht mehr verhindern lassen, wenn es so kommt, wie geplant (oder sogar schon beschlossen?) – Genau das, was die Natur dort gar nicht braucht! Reinhard Merschhaus, für Bündnis 90/DIE Grünen im Rat der Stadt Hamm, hat nach der Veröffentlichung schnell reagiert und eine Stellungnahme veröffentlicht, die am 04.09.2019 im WA erschienen ist. Außerdem haben Ulrich Schölermann, Paul Ortmann, Michael Walterscheid und Robert Grunau heute einen gemeinsamen Leserbrief an den WA gegeben, den wir hier ebenfalls veröffentlichen.

Pressemitteilung von Bündnis 90/DIE GRÜNEN) vom 03.09.2019:

Projekt verliert an Sinn

Es ist wirklich erstaunlich, wie leicht es in dieser Stadt möglich ist, gut gemeinte Projekte zu beschädigen. Der Gedanke am Anfang des Projektes „Erlebensraum Lippe“ war, eine nachhaltige Verbesserung der natürlichen Umwelt und der Klima- und Umweltbedingungen zu erreichen. Bisher schien es so, als könne es gelingen, diese Zielsetzung gegen die von einigen gewünschten Rummelplatz und Zirkuselemente zu verteidigen. Jetzt allerdings geht die Entwicklung in die andere Richtung. Veranstaltungen, Gastronomie, Konzerte sollen ermöglicht werden – alles Unternehmungen, die selbstverständlich in der Stadt ihren Platz haben. Aber eben nicht da, wo es um naturnahe Erholung und den Schutz der Biodiversität geht.

Da hilft es auch nicht wirklich, wenn der OB versucht, diese Planänderungen als Verbesserungen zu verkaufen, ganz so, als wären die Planer erst jetzt, sozusagen mit der Schaufel in der Hand, auf die richtigen Ideen gekommen.

Die Wahrheit ist, dass eben diese Planer offenbar nicht in der Lage waren, die Kosten der Baumaßnahme annähernd richtig zu kalkulieren. Jetzt stehen sie aus Kostengründen vor der Notwendigkeit, ihre Planungen inhaltlich zu ändern und zeitlich zu schieben. Das Projekt Erlebensraum wird dadurch nicht besser, sondern schlechter. Aus genau diesem Grund geht die Stadtspitze einer möglichen Diskussion des Themas ja auch lieber aus dem Weg. Statt die städtischen Gremien mit der neuen Sachlage zu befassen, die haben das Projekt ja schließlich beschlossen, setzt man sich lieber mit dem Lippeverband zusammen, versichert sich gegenseitig der jeweiligen Genialität und macht anschließend einen Pressetermin.

Genau so geht Reklame, aber nicht Stadtentwicklung.

Verfasser: Reinhard Merschhaus

Leserbrief zu den neuen Planungen zum „Erlebensraum Lippeaue“

Die aktuelle Umplanung des „Erlebensraums Lippeaue“ ist schon eine derbe Überraschung, die bei Naturschutzengagierten und Ornithologen für Unverständnis gesorgt hat. Scheibchenweise wird nun bekannt, was an neuen Planungen in der Aue hinzu kommt und was an bereits genehmigten Maßnahmen geändert werden muss. Die Stadt Hamm mit der federführenden unteren Naturschutzbehörde (UNB) gibt die Planungen nicht offensiv an die Öffentlichkeit. Neulich wurde bekannt, dass eine Art „Freitreppe“ in Flugplatznähe das Absteigen in den Auenbereich erleichtern soll – ein potenzieller Tummelplatz für diejenigen Menschen, die man da eigentlich gar nicht haben will. Jetzt soll es noch ein Hochplateau sein, fünf Hektar groß, auf dem Konzertveranstaltungen durchgeführt werden können, Imbissbuden und Dixiklos stehen. Oder „Foodtrucks“, denn das Projekt ist ja ein „Doing“, wie der Lippeverband aussagt. Was wird noch folgen? Außerdem verhindert das Event-Hochplateau fünf Hektar Hochwasserrückhaltefläche, und das ist doch eigentlich genau der Sinn der bisherigen Planung gewesen!

Die UNB verkauft das Gesamtpaket der Öffentlichkeit als eine Sache, die dem Naturschutz dient und den Bürgern neues Freizeitvergnügen bietet. Aber beides zusammen ist im schmalen Raum der Lippeaue, eingezwängt zwischen Kanal und Straßen, nicht möglich. Hier werden nicht Mensch und Natur zusammen geführt, wie der Hammer OB gesagt hat, sondern hier werden die angestammten Bewohner, die wild lebenden Tierarten, aus der Natur und ihren Lebensräumen vertrieben.

Mit wem hat die UNB bisher darüber gesprochen? Hat sie sich vom 16köpfigen Naturschutzbeirat beraten lassen, wie es das Naturschutzgesetz vorsieht und in dem der ehrenamtliche Sachverstand der Naturschutzverbände sitzt? Vorgestellt hat sie nur die Altplanung. Es wurden bisher ausnahmslos alle Ratschläge aus dem Beirat zu einer ökologischen Verbesserung dieser Planung abgeblockt. Die Erfahrung vergangener Jahrzehnte zeigt: Ist eine Planung so weit, dass sie auf dem Tisch liegt, ändert ein Ehrenamtler daran nichts mehr! Diesen Beirat kann man einstampfen, der soll und darf nichts mehr bewegen!

Die Umplanungen wären nicht passiert, wenn die Kosten nicht explodiert worden wären. Und auch die angedachten asphaltierten Wege längs durch die Aue waren nicht förderungsfähig; konnte die Stadt nicht von selbst darauf kommen, dass so etwas nicht genehmigungsfähig ist in einer Flussaue?

Und dann wird den Bürgern noch mitgeteilt, dass das neue Hochplateau 18.000 Lkw-Fahrten erspart, weil das dafür benötigte Bodenmaterial aus der Deichverlegung nicht abgefahren werden muss. Soll das jetzt etwas Positives sein oder ist das eine Verschlimmbesserung? Also war die ursprünglich hochgejubelte Planung noch umwelt- und klimaschädlicher, als es uns Bürgern mitgeteilt worden ist!

Die Wiedervernässung der Aue, das Aufbaggern von Altarmen, die Laufverlängerung der Lippe durch neue Flussschleifen und das Anlegen von Flutmulden und Stillgewässern sind gute Vorhaben. Es ist auch in Ordnung, wenn den Hammer Bürgern die Lippeaue an Aussichtspunkten, die durch Stichwege erreichbar sind, erlebbar gemacht wird. Aber die schützenswerte Aue zu einem Eventplatz umzubauen, das ist aus naturschutzfachlicher Sicht nicht hinnehmbar.

Verfasser: Ulrich Schölermann, Paul Ortmann, Michael Walterscheid und Robert Grunau, Hamm

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2019-09-02 Stadt Hamm_Ein Plateau als Erlebnis

Uli Mandel

Gründer, Administrator und Koordinator des Klimabündnis Hamm. Motto: "Taten, statt warten!“ oder "Auch ein Schritt zurück kann Fortschritt sein." Wer in meinen Beiträgen Fehler findet, sollte sie nicht behalten. Bitte per Mail zuschicken!

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