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Transparent überspannt Waldweg: "Planet B?"

Wählen Sie Planet A oder B?

WA vom 29.01.2021

Der Artikel im Westfälischen Anzeiger (WA) vom 29.01.2021 [PDFarchiv2] beginnt eigentlich ganz vernünftig: „Lob und Anerkennung“ lautet der Titel im Lokalteil des Stadtbezirks Hamm-Pelkum. Berechtigte Ehre und Dank für drei Mädchen aus Weetfeld, die entlang einer Straße Müll gesammelt haben. Warum dann der Redakteur einen Seitenhieb in Richtung der Fridays for Future (FFF) in den Artikel einflechtet, ist mir ein Rätsel. Folgende Aussage lässt er – bewusst oder unbewusst – unreflektiert stehen, als sei es seine Meinung:

Für diese engagierten Kinder sei „Fridays for Future“ nicht nur eine Demo, wo sie „die Industrie auffordern, etwas zu verändern“. „Nein, sie werden selbst aktiv und fangen in ihrer unmittelbaren Umgebung damit an und sammeln den Dreck anderer Menschen ein.“

Nicht nur mir ist damals diese Formulierung aufgefallen. Seitenhiebe in Richtung der FFF in den Medien sind nicht selten. – Hier ein Beispiel unseres Lokalsenders Radio Lippewelle . Nach der Demo der FFF im Mai 2019 kamen auch Vorwürfe aus den Reihen der Leser*innen des WA, die den Schülerinnen und Schülern in Leserbriefen vorwarfen, sie würden die Straßen nach ihren Demos zugemüllt hinterlassen. Ich war Augenzeuge, dass genau das Gegenteil der Fall war. Meine Eindrücke nach der Demo am 24.09.2019 habe ich damals in einem Artikel veröffentlicht.

Auch Petra Erdmann ging der Artikel von Ende Januar dieses Jahres zu weit. Sie hat uns ihre „kreisenden Gedanken“ dazu mit der Bitte um Veröffentlichung zugeschickt:


Gut gemeint, aber nicht gut gedacht

Act local – think global (Lokal handeln – global denken).

Kreisende Gedanken im Zusammenhang mit dem WA-Artikel „Lob und Anerkennung“ vom 29.01.2021 und dem Vortrag „Klima 2.0 – Eine Welt, ein Klima, eine (letzte) Chance!“ von Dr. Udo Engelhardt vom 28.01.2021.

Keine Frage, die drei jungen Müllsammlerinnen sind toll und ihr eigenständiges Engagement verdient uneingeschränkt Lob und Anerkennung. Sie setzen sich für die Umwelt ein und entfernen den Müll anderer Leute, damit die Welt direkt vor ihrer Haustür wieder sauberer und lebenswerter wird. Dass sich durch diese Aktion der jungen Generation auch ältere MitbürgerInnen inspiriert fühlen, selber aktiv zu werden, verdient ebenso viel Lob und Anerkennung. Wir alle sollten auch diesbezüglich öfter generationsübergreifend voneinander lernen und uns auf privater Ebene viel mehr für den Schutz unserer Umwelt stark machen. Solche Aktionen können lokal gesehen einiges Gutes bewirken.

Die Formel: „Umweltschutz > Klimaschutz“

Dass im Umkehrschluss die Fridays for Future (FFF) dazu aufgerufen werden, die Freitage dazu zu nutzen, ebenfalls Müll aufzusammeln anstatt „nur“ zu demonstrieren, ist auf den ersten Blick ein nachvollziehbarer Anstoß, legt aber die Vermutung nahe, dass hier nach wie vor nicht genügend Wissen über die Klimaschutz-Bewegung der FFF besteht. Ja, auch FFF setzen sich dafür ein, dass ihre Umgebung wieder sauberer und lebenswerter wird. Die Hammer Ortsgruppe hat zusammen mit den Parents for Future bereits im letzten Jahr bei Müllsammel-Aktionen selber angepackt und auch zum Mitmachen aufgerufen. Müllsammeln ist auch ein Baustein im Kampf ums Klima. Ebenso wie Müll zu vermeiden, Strom zu sparen, weniger bzw. nachhaltiger Fleisch zu essen, den Konsum zu reduzieren, weniger Auto zu fahren oder zu fliegen. Und im privaten Rahmen sind viele Leute, ob FFF oder nicht, auf eigene Weise bemüht, darauf zu achten und sich zu engagieren. Aber die Umgebung, von der auch FFF hier vor Ort sprechen, geht weit über Hamm hinaus.

„Es gibt keinen Planet B“ oder: Wer hat den Werkzeugkasten mit den Stellschrauben?

Es geht FFF nicht darum, Lob und Anerkennung zu bekommen – selbst Ablehnung ist irrelevant, sondern darum, auf ein weltumspannendes Problem aufmerksam zu machen, das endlich angepackt werden muss, denn dieser Planet ist der Einzige, den wir haben.  „Es gibt keinen Planet B“ lautet einer der Slogans, der das ganze Ausmaß des weltweiten Status Quo verdeutlicht. Ungeachtet von Stadt- und Staatsgrenzen oder Nationalitätsunterschieden ist es nur als Weltgemeinschaft (noch) möglich, die bevorstehende Klimakatastrophe auf diesem Planeten abzuwenden und damit den kommenden Generationen eine lebenswerte Zukunft zu garantieren. Das klingt dramatisch, kann aber dank der Erkenntnisse unzähliger Forschungsergebnisse nicht dramatisch genug formuliert werden.

Die Stellschrauben, mit denen an der großen Transformation (ggf. Wikipedia zurate ziehen) gebaut werden muss, können nicht von Schülerinnen und Schülern weltweit angezogen werden, sondern liegen im Werkzeugkasten der Politik und weiterer Entscheidungsträger in Industrie, Handel, Wirtschaft, Finanzen etc.

Wenn Artikel 6 der UN-Kinderrechtskonvention „Recht auf Leben“ und die damit einhergehende vertragsstaatliche Gewährleistung des Überlebens und der Entwicklung des Kindes gefährdet ist, dürfen, ja müssen Jungen und Mädchen jeden Alters lautstark darauf aufmerksam machen, dass ihre Zukunft wie ein Kartenhaus zusammenfallen wird, weil die Erwachsenen aus ihrer Sicht sich bis zum heutigen Tag wider besseres Wissens nicht ausreichend gekümmert haben.

FFF Hamm bei FFF Ahlen 12.07.2019

FFF setzen daher alles auf eine Karte – eine Karte des Protestes, in einer Form, die sie bei den Erwachsenen abgeschaut und als probates Mittel anerkannt haben. Der Schulstreik eines einzelnen Mädchens hat innerhalb eines Jahres eine Bewegung in Gang gesetzt, die inzwischen weltweit zu den verschiedensten Zusammenschlüssen geführt hat, die alle das eine gemeinsame Ziel antreibt: nichts Geringeres als die Klima-Rettung auf der Erde. Die Wissenschaft spricht mittlerweile schon von dem „Greta-Thunberg-Effekt“. Unter dem Dach der Fridays for Future Deutschland befinden sich 27 Gruppierungen, darunter z. B. Architects for Future, Artists for Future, Churches for Future, Entrepreneurs for Future, Grandparents for Future, Psycologists for Future, Scientists for Future, Teachers for Future, und alle haben die Dringlichkeit akzeptiert, dass es Zeit ist zu handeln. Schon jetzt durch die Corona-Krise haben sich messbar positive Auswirkungen durch die Einschränkung des Luftverkehrs gezeigt. Doch die Krise verzögert nur, es sind weit mehr aktive Anstrengungen und Veränderungen nötig, die wir nicht dem Zufall einer Pandemie überlassen sollten. Das reicht nicht.

Zum besseren Verständnis, wie es um das Klima und die Erde und die Zusammenhänge bestellt ist, sei der einstündige Online-Vortrag des international renommierten Soester Klimafolgenforschers Dr. Udo Engelhardt vom 28.01.2021 empfohlen:

https://fuge-hamm.org/2020/07/28/klima-2-0-eine-welt-ein-klima-eine-letzte-chance/

Inzwischen sollte sich jede/r von uns – ob jung oder alt – sowohl als Teil des Problems, aber vor allem als Teil der Lösung verstehen, sowohl auf globaler als auch lokaler Ebene. Noch haben wir alle eine Chance: die Erde hat sie verdient, sie kann nichts dafür…, und unsere Kinder verdienen sie auch.


Veranstaltung mit Dr. Udo Engelhardt vom 28.01.2021:

 

 

Beitragsbild: Danneröder Wald, 30.11.2020 (C) Uli Mandel

 

Uli Mandel

Gründer, Administrator und Koordinator des Klimabündnis Hamm. Motto: "Taten, statt warten!“ oder "Auch ein Schritt zurück kann Fortschritt sein." Wer in meinen Beiträgen Fehler findet, sollte sie nicht behalten. Bitte per Mail zuschicken!

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