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Widerstand in Gold und Pink (1/2)

Die Turnschuhe gegen die schwarzen Boots getauscht, den Laptop gegen Schlafsack und Isomatte. Dann ging es Samstag am frühen Nachmittag zum EndeGelände-Camp nach Viersen. Ein Bericht über 18 Stunden im diversen Widerstand.

Im Anschluss an den Kurzbesuch am Dienstag im Camp hatte ich mir fest vorgenommen, die eingegangene Verpflichtung zum Fahrdienst in dieser Nacht auch einzulösen. Nachdem ich beim ActionLogistics-Zelt nochmals die aktuellen Schichtpläne studiert hatte, musste ich mir noch überlegen, wie ich die nächsten Stunden bis Schichtbeginn totschlagen könnte. Nach ein paar Minuten ziellosen Herumschlenderns landete ich im Aktionszelt und wieder wurde ich direkt angesprochen: „Sag mal, hast Du nicht Lust, zum Grünen Finger zu fahren. Da ist noch ein Platz im Auto frei.“ Ich erklärte kurz, dass ich heute eigentlich gar nicht auf eine Gleisbesetzung eingestellt war.

Denn zu diesem Zeitpunkt hatte der Grüne Finger – die Aktionsgruppe von EndeGelände, die den Gleisweg zum Kraftwerk Neurath besetzt hielt – bereits eine gewisse Berühmtheit in den sozialen Medien erzielt, da die Bilder von den erfolgreichen AktivistInnen auf den Gleisen rasch geteilt und kommentiert wurden. Ich lehnte also ab, dort hinzufahren mit dem Argument, dass ich ja heute Nacht eigentlich Fahrdienst machen wollte und die Demo in Aachen gestern schon anstrengend genug gewesen wäre. „Aber dann ist der Grüne Finger genau das Richtige für Dich“, war die lachende Entgegnung, „einfach ein paar Stunden auf den Gleisen chillen. Du kommst da hin, ohne dass Dich die Bullen belästigen.“

Ich schüttelte den Kopf, verließ das Zelt und wurde draußen von einer braungebrannten Frau angesprochen, über deren Körper sich mehrere Tattoos verteilten. „Sach mal, fährst Du jetzt mit zum Grünen Finger oder wat?“, fragte sie im breiten Kölner Dialekt. Verdutzt schaute ich sie an und erfuhr, sie würde jetzt mit Ihrer Tochter und zwei jungen Männer losfahren. Ich zögerte nur noch kurz, und 30 Minuten später waren wir zu fünft auf der Autobahn Richtung Rommerskirchen zum Grünen Finger unterwegs.

Wie im Camp vorhergesagt, war auf dem Weg vom parkenden Auto über den Karottenacker bis an die Bahngleise außer einem Polizeihubschrauber tatsächlich nichts zu sehen. Kurz vor Ende des Weges kamen uns drei junge Männer in schwarzen T-Shirts entgegen und noch bevor ich die Gesichter erkennen konnte, rief einer aus der Gruppe: „Ich fasse es nicht, der Mann mit dem Regenschirm!“ In dem ganzen Tohuwabohu aus Demo, Polizeieinsatz und Blockade hatte ich die zwei jungen Männer vom vergangenen Dienstag wiedergetroffen. Wir lachten lang und laut über den unwahrscheinlichen Zufall und sie erzählten von dem anstrengenden Marsch bis zum Gleis und der gelungenen Besetzung.

An und auf den Gleisen suchten die Menschen Schutz vor der Sonne. Die Polizei beobachtete zurückhaltend aus der Ferne. Ich fand ein schattiges Plätzchen zwischen Acker und Böschung, die Frau aus Köln, ihre Tochter und ihr Freund bauten sich einen Sonnenschutz im Gleisbett. Die Sonne zog langsam ihre Bahn und brannte herunter.

Das Wasser war bereits knapp geworden und immer wieder stießen vereinzelte Gruppen vom Pinken Finger zu den Blockierenden auf den Gleisen. Großer Jubel brach aus, als verkündet wurde, dass EndeGelände die erste Nachricht in der 18-Uhr-Tagesschau sei. Die Frau aus Köln hatte sich inzwischen wieder auf den Rückweg zum Camp gemacht und einige erschöpfte Menschen mitgenommen.

Die Meldung, dass der bayrische Ministerpräsident Markus Söder nun doch einen rascheren Kohleausstieg für möglich hält, war zu diesem Zeitpunkt bereits Thema in den Online-Medien. Beim Blick über das Feld hinunter zu den Einsatzwagen der Polizei sprach ich einen der Aktivisten auf diese Entwicklung an. Überrascht blickte er mich an, dann wieder zurück zu den Polizeiwagen.

„Es hat sich etwas verändert und den Menschen wird langsam klar, dass es hier um eine rein politische Entscheidung geht.“

Das Plenum am Grünen Finger hatte inzwischen entschieden, nun ebenfalls eine Gruppe zurück ins Camp zu bringen. Ein Reisebus sei bereits organisiert worden und wir machten uns mit einer großen Gruppe auf den Weg zur angemeldeten Mahnwache in der Nähe. Dort wartete ein Bulli der Fahrbereitschaft, um diejenigen Personen direkt zurück nach Viersen zu bringen, denen es gesundheitlich nicht so gut ging. Der einzige Mensch, der sich in dieser Situation vordrängelte, war ein Fotoreporter, der resolut seinen Platz im Auto behauptete. Der Bus kam wenige Minuten später und brachte Personen und Gepäck zurück ins Camp.

Beim Eintreffen gab es großen Jubel. Die Aktivistinnen bekamen Wasser und Früchte gereicht, einige ließen sich erschöpft auf den Rasen fallen, streichelten die günen Halme und blieben minutenlang liegen. Zwar waren schon im Bus Gesänge angestimmt und die Busfahrer bejubelt worden. Doch nun fiel auch die letzte Anspannung ab und die Erleichterung war mit allen beteiligten Menschen in Gesicht und Körperhaltung anzusehen.

Auf der anschließenden Feier im Zirkuszelt berichteten die AktivistInnen von ihren Erlebnissen. Es war dunkel, das Zelt voll und die Menschen auf der Bühne nicht zu erkennen. In dem ganzen Jubel wurde es plötzlich leise und eine schwer verständliche, weibliche Stimme war zu hören. Eine zweite Stimme musste die Worte wiederholen, die kaum zu verstehen waren. Die junge Frau, die berichtete, saß in einem Rollstuhl und auch ihr Sprachvermögen war eingeschränkt. Sie schilderte ihre Erfahrungen bei den Aktionen vom Bunten Finger. Es war das erste Mal, dass bei EndeGelände auch RollstuhlfahrerInnen an den Aktionen teilnahmen.

Auf der Suche nach einem freien Zelt und einem ruhigen Schlafplatz traf ich die Frau aus Köln wieder. „Wie geht es meinem Kind“, fragte sie und nach einem kurzen Gespräch verschwand sie mit einer Freundin, einer Bierflasche und dem Sonnen-Tattoo auf dem Rücken in die Camp-Nacht. Ich fand ein leeres Gemeinschaftszelt und versuchte, noch ein wenig zu schlafen, ehe mitten in der Nacht meine Fahrdienst-Schicht beginnen sollte. Nochmals gab es großen Jubel aus dem Zirkuszelt, als wieder eine Gruppe von AktivistInnen im Camp begrüßt wurde. Laut hallten noch Partymusik und Gesänge, als ich den Schlafsack über mich zog und eindöste.

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