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Widerstand in Gold und Pink (2/2)

Nach zwei kurzen Schlafsack-Stunden stand ich mitten in der Nacht vor dem ActionLogistics-Zelt. Schichtbeginn für die Fahrbereitschaft bei EndeGelände im Camp bei Viersen.

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Unter der Zeltplatzdunkelheit standen die eingeteilten FahrerInnen in kleinen Gruppen und warteten auf die Einweisung und Verteilung auf die Fahrzeuge. Da das Sanitätszelt direkt nebenan lag, wurden wir immer weder ermahnt, nicht zu laut zu sprechen. Und das, obwohl noch immer laute Partymusik und EndeGelände-Rufe den Zeltplatz beschallte. Irgendwann malte der Italiener hinter dem Campingtisch ein Schild: „Be Quiet Please“. Und er vergaß dabei nicht, noch einen Smiley darauf zu malen.

Überhaupt war der Umgangston im Camp ein ausgesprochen höflicher. Anweisungen werden eingeleitet mit „Würdest Du bitte“ oder „Könntest Du Dir vorstellen“. Immer und ständig wird sich irgendwo bei irgendjemandem bedankt. Es wird stets gefragt, ob man zusätzlich noch alles auf Englisch erklären solle oder ob Deutsch ausreichen würde. Selbst in angespannten Situationen wurde derart höflich miteinander umgegangen, dass ich gar nicht mitbekam, was denn nun tatsächlich gemeint sei und was nun dringend getan werden müsse.

Einteilung und Einweisung finden unter einer Taschenlampe statt und behandeln im Wesentlichen das Verhalten gegenüber der Polizei. „Das ihr hier alle Autofahren könnt, davon gehe ich aus, sonst hättet ihr Euch ja nicht gemeldet.“ Dann werden wir nochmals daran erinnert, die Tankbelege bitte im Auto abzulegen, um die Ausgaben nachvollziehen zu können.

Glücklicherweise bildete ich bei der Fahrbereitschaft ein Team mit Joana. Sie ist um die 20 und studiert Pädagogik. Wir sollten Essen, Wasser und Getränke zur Skywalk-Mahnwache bringen, wo die Tagebau-BesetzerInnen von der Polizei seit mehreren Stunden zur Identitätsfeststellung festgehalten wurden. Nachdem wir den Neun-Sitzer-Bulli mit Kaffee-Samowar, Suppenkübeln und Brot beladen hatten, machten wir uns auf den Weg an die Grube, gute 30 Kilometer Fahrstrecke.

Mit dem Navi wies Joana den Weg und leitete ihre Fragerunden auf der Fahrt immer wieder ein mit den Worten: „Du musst da jetzt nicht antworten, wenn Dir das zu nahe geht.“ Als wir die persönlichen Dinge ausgetauscht hatten, kam unvermittelt die Frage: „Du musst da jetzt nicht antworten, wenn Dir das zu nahe geht. Wie siehst Du das eigentlich mit dem Antikapitalismus?“ Ich musste mir Mühe geben, nicht laut loszulachen, doch bei genauerer Betrachtung gibt es wohl keine schönere Einleitung für eine derartige Fundamentalfrage, wenn man um 3 Uhr Nachts auf dem Weg ist zu einer der weltweit größten Aktionen, die das kapitalistische System angreift.

Joana war mit einer eigenen Gruppe im Camp und hatte am Freitag auch an der FridaysForFuture-Demo in Aachen teilgenommen. Für den Fahrdienst hatte sie sich spontan gemeldet, da Sie im Rahmen ihres Studiums in einer Bildungseinrichtung hospitiert und dort eben auch die notwendige Fahrbereitschaft übernimmt. Sie war, wie ihre BegleiterInnen, das erste mal dabei, konnte mit den ‚Anticapitalista‘-Rufen nichts anfangen und suchte nach einem Weg, mit dieser Situation umzugehen. Es war das anrührenste und ehrlichste Gespräch, das ich je über Kapitalismus geführt hatte, ging es doch nicht um vermeintliche Gewissheiten, sondern um die unvermeidlich persönliche Haltung.

An der Skywalk-Mahnwache zog sich dann das Warten auf die AktivistInnen hin. Die Polizei war noch nicht sicher, wie der Abtransport der Menschen erfolgen sollte. So blieben Joana und ich vor Ort, um die Menschen notfalls im Bulli zurück ins Camp zu bringen.

Östlich der Mahnwache standen zwei der riesigen Schaufelradbagger bewegungslos in der Grube, angestrahlt von der blendend weißen Arbeitsbeleuchtung, hinter denen langsam ein Morgenrot aufzog. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch diese nahezu übermenschliche Zerstörungsgewalt eine berauschende Schönheit darstellt. Als ein Monument, welches Zeugnis über die Fähigkeiten des Menschen ablegt. Welches Wissen, welche Mühen und Anstrengungen sind in diese Bagger und in die Zerstörung dieser Region geflossen? Und nun hat die Geschichte einen Punkt erreicht, wo die angerichtete Zerstörung nicht nur hier am Tagebau unmittelbar erfahrbar ist, drückt der Klimawandel doch der ganzen Erde seinen Stempel auf.

Zwei von der Polizei bereitgestellte Busse waren bereits vorbeigefahren, um die AktivistInnen nach der Identitätsfeststellung zum Camp zu bringen, als nach einer weiteren Stunde Wartezeit die ersten Menschen in weißen Maleranzügen zu Fuß und erschöpft die Mahnwache erreichten. Die Sonne kam langsam hinter dem Hügel hervor, Essen, Wasser und Kaffee wurden verteilt. Wir packten den Bulli voll mit sieben Personen, klärten die Rückfahrt mit der Orga-Zentrale und machte uns auf den Weg nach Viersen.

Im Fahrzeug herrschte eine zufrieden schläfrige Ruhe. Joana fragte mit der ihr eigenen, nahezu grenzenlosen Empathie, wie sich denn alle fühlen würden, ob jemand noch etwas zu Essen oder Trinken benötige. Ich wollte wissen, was man denn so in der Grube von den Aktionen mitbekommen hätte. Nicht viel, war eine der Antworten. Ich erzählte kurz, dass EndeGelände die Nummer eins bei den Nachrichtenthemen wäre, Söder den Kohleausstieg um acht Jahre vorziehen möchte und dass die Menschen sich in den Zügen durchs Rheinland überwiegend positiv über die Blockadeaktionen unterhielten.

„Echt, der Söder?“

„Ich finde die AKK sowieso viel schlimmer.“

Im Camp angekommen verschwanden die AktivistInnen rasch zu den Wasserstellen. Joana und ich beratschlagten kurz, dass ich noch den Schlüssel behalten werde, falls es noch etwas zu tun gäbe heute morgen. Der Crêpes-Stand hatte geöffnet (24/7-Aktions-Bereitschaft), ich nahm mir lange Zeit beim Essen und schaute den betrunkenen Italienern zu, die laut herumalberten.

Um halb acht morgens gab ich den Schlüssel ab, verabschiedete mich und lief zurück zum Bahnhof Viersen. Die Mahnwache grüßte vor dem Büro der Grünen ein letztes Mal mit ‚Hambi bleibt‘, die Italiener hatten dort auch ihren Zug gefunden, und ich ließ mich in den Sitz fallen, der Kopf eingehüllt in eine Wolke träger Müdigkeit.

Später auf der Rückfahrt, im Bergischen Land, wachte ich aus dem Dämmerschlaf auf und konnte im Twitter-Universum lesen, dass die Polizei das besetzte Gleis am Kraftwerk Neurath unter Gewaltanwendung räumen würde. Ich sah die kurzen Filme von der Polizeiaktion, die Fausthiebe der Beamten und die herumstolpernden AktivistInnen. Ich lass, dass trotz Absprache mit EndeGelände vor Ort die Staatsanwaltschaft plötzlich eine Räumung der Gleise angeordnet hatte.

Irgendwo dazwischen wird auch die Tochter von der Frau mit der Sonne gewesen sein, zusammen mit ihrem Freund. Die Vorstellung davon macht mich jetzt noch wütend. Und noch wütender werde ich, wenn ich von dem RWE-Chef höre, man warte auf ein Signal der Politik, denn dann wäre auch ein rascher Kohleausstieg möglich.

Zwei Dinge haben die Aktionen von EndeGelände an diesem Rheinland-Wochenende offengelegt. Zum einen geht es nicht um technische Herausforderungen beim Kohleausstieg. Hier zeigt ein brutaler Kapitalismus die hässlichste Fratze, die er zu bieten hat. Denn der Aktienkonzern RWE muss die Erde weiter zerstören, um den Gewinn der Aktionäre zu maximieren. Nichts anderes ist der Hauptzweck dieser AG. Und die Politik schaut dabei tatenlos zu.

oznor

Zum zweiten reicht ein Blick in das Twitter-Universum, ein Film, den ich mir schon mehrfach angeschaut habe. Der Grüne Finger, vorne dabei einer der Jungs aus dem Regensturm, mit den weißen Maleranzügen heruntergebunden auf die Hüften, die Sonne knallt auf die Gleise vor dem Kraftwerk Neurath. Die Besetzerinnen Tanzen, eine Choreographie wie bei den Haka-Tänzen der Maori. Dieses kleine Filmschnipsel schreit laut heraus:

„Eine andere Welt ist möglich! Habe Mut und heb Deinen Hintern“

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