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Wie die Menschheit den Klimawandel überleben könnte

Ein verzweifelter Versuch, sich gegen den Untergang der Zivilisation zu stemmen – und wie ein Überleben gelingen könnte.

Wenn über den Klimawandel gesprochen wird, steht die Zahl von 1,5 Grad im Raum als Chiffre für die Grenze, bis zu der eine Temperaturerhöhung lediglich zu ‚beherrschbaren‘ Veränderungen führen würde. Diese Erhöhung bedeutet Hunger und Vertreibung, Leid und Tod von mehreren Hundert Millionen Menschen, die mit uns zusammen auf diesem Planeten leben. Der Klimawandel ist als humanitärer Notstand identifiziert zu einem Zeitpunkt, an dem wir eine Temperaturerhöhung von ca. 1 Grad erreicht haben.

Dieser Text wendet sich an die Menschen, die von dem Raubtierkapitalismus profitieren, die auf der Gewinnerseite der Globalisierung stehen, die den Klimawandel als Ereignis am Rande ihres Alltagshorizonts wahrnehmen. Dieser Text wendet sich an Menschen, denen das Sterben unserer Zivilisation als moralische Herausforderung entgegentritt.

Wir, die wir das Weltwissen in Jackentaschen und Brustbeuteln mit uns herum tragen, wissen, was der Klimawandel bedeutet. Wir sehen die Zahl, 415 ppm Konzentration von CO2 in der Atmosphäre, und wissen, dass noch nie ein Mensch auf einem derartigen Planeten gelebt hat. Das letzte Mal, als erdzeithistorisch die Treibhausgase ähnlich dosiert waren in der Atemluft, vor rund 15 Millionen Jahren, wuchsen Palmen und Mangroven in Europa. In dieser Epoche trennte sich die Linie des Orang Utans von der des Menschenaffen, woraus später Schimpanse, Gorilla und der Mensch entstanden.

Wir wissen, dass vor 15 Millionen Jahren die Arktis inklusive Grönland eisfrei und die Antarktis nur teilweise von einem Schutzpanzer aus Eiskristallen bedeckt war. Wir wissen, dass dies ein anderer Planet war, dessen Oberfläche noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat.

Wir wissen, dass die Treibhausgasemissionen weiter steigen.

Wenn diese Emissionsmengen als Budget gerecht über alle Menschen auf diesem Planeten aufgeteilt werden, bleiben uns in Deutschland noch rund 26 Jahre, bevor wir unser Treibhausgaskonto für immer überzogen haben. Damit nehmen wir eine Temperaturerhöhung von 2 Grad in Kauf. Wollen wir den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, bleiben uns bei der aktuellen Menge an Treibhausgasen, die wir produzieren, nur noch 8 Jahre. Nach dieser Zeit werden weitere hunderte Millionen Menschen in Bangladesch, in Indien, im Amazonas, in der Maghreb-Zone leiden, weil wir unsere Art zu Leben nicht aufgeben wollen und weiter Treibhausgase produzieren.

Wir wissen, dass die Industrienationen die Hauptverantwortlichen beim Klimawandel sind mit Deutschland an vierter Stelle hinter den USA, China und Russland / Sowjetunion. Die Entwicklungsländer dagegen haben im Wesentlichen die Lasten des Klimawandels zu tragen.

Wir glauben, dass wir irgendwie unbeschadet aus der Nummer heraus kommen werden. Wir blicken auf unsere Bildschirme und sehen, wie sich die Veränderungen im Zeitraffer ereignen, als würde man mit einem ICE nicht durch das Rheintal fahren, sondern sich in eine ferne Vergangenheit zurück bewegen, in der die Meerwassertemperatur um Europa konstant über 20° Celsius lag. Doch im Gegensatz zu mancher Reise mit der Deutschen Bahn hält sich der ICE-Zeitreisezug ziemlich präzise an den einen Fahrplan, den WissenschaftlerInnen bereits vor 40 Jahren z.B. dem Vorstand von Exxon vorgelegt haben.

Der Klimawandel wird uns nicht nur mit den Herausforderungen konfrontieren, die neue Infektionskrankheiten, Waldsterben, Flächenbrände und Fragen der nationalen Sicherheit mit sich bringen. In den nächsten drei Generationen werden wir eine Verschiebung von Klima- und Vegetationszonen erleben, die an uns die Frage stellt:

Was bedeutet es, menschlich zu bleiben in Zeiten des Klimawandels?

Selbst in nüchternen wissenschaftlichen Artikeln ist die Aussage, dass der Mensch seine Lebensumwelt zerstört und damit die natürliche Grundlage des Menschseins verlässt, eindeutig:

„If we stay our present course, using fossil fuels to feed a growing appetite for energy-intensive life styles, we will soon leave the climate of the Holocene, the world of prior human history. The eventual response to doubling preindustrial atmospheric CO2 likely would be a nearly ice-free planet.“ 

Übersetzung:
„Wenn wir unseren bisherigen Kurs beibehalten und fossile Brennstoffe nutzen, um einen wachsenden Appetit auf energieintensive Lebensstile zu
stillen, werden wir bald das Klima des Holozäns verlassen, die Welt der frühen Menschheitsgeschichte. Die wahrscheinliche Folge auf die Verdoppelung des vorindustriellen atmosphärischen CO2 wäre ein fast eisfreier Planet.“

Als im Oktober 2019 das Kletterverbot auf den berühmten Uluru-Felsen in der australischen Wüste durchgesetzt werden sollte, kam es zu einem Ansturm von Touristen, die die letzte Chance auf eine Besteigung des Felsens nutzen wollten. Mit dem Kletterverbot kam die Nationalpark-Verwaltung einer jahrelangen Bitte der Ureinwohner nach, für die der Fels ein Heiligtum darstellt. Noch am letzten Tag versuchten Menschen, auf diesen Felsen zu kommen, obwohl allen bekannt war, dass genau dies die Würde der Ureinwohner verletzt. In zahlreichen Interviews, die die Medien an diesem Tag an der Aufstiegsstelle geführt haben, wird vor allem eins deutlich: Die kletterwütigen Touristen sind angetrieben von einer übersteigerten Ich-Bezogenheit, in dem die Befriedigung der eigenen Wünsche über jedes Maß erhöht wird.

Im Juni 2019 kamen am Mount Everest binnen weniger Tage sieben Bergsteiger ums Leben. Auf dem Weg zum Gipfel stauen sich in der Tourismus-Saison die Hobby-Alpinisten über mehrere hundert Meter in der sauerstoffarmen Todeszone. Der Klimawandel lässt auch das Eis auf dem Dach der Welt schmelzen und legt hunderte von Toten und Tonnen von Müll frei. Für einen Adrenalin-Kick bringen Menschen sich und andere in Gefahr und zerstören ein Ökosystem. Auch hier ist das eigene Ego das alles überragende Handlungsmotiv. Fakten werden einfach ausgeblendet, unkalkulierbare Risiken werden in Kauf genommen.

Ohne Rücksicht auf Fakten in voller Kenntnis des Risikos das eigene Leben in Gefahr bringen, dabei Ökosysteme zerstören und die Würde anderer Menschen verletzten, die unter dieser Ego-Auslebung leiden müssen – das ist unsere Rolle in der Epoche des Klimawandel. Wir sind weder die Guten noch sind wir Opfer.

Wir sind Täter.

Als Teil der westlichen Industriegesellschaft fällt es uns schwer, aus dieser Täterrolle auszubrechen. Wir haben uns in einer Lebensrealität eingerichtet, die Menschen weltweit in ihrer Würde verletzt und leiden lässt. Das geflügelte Wort „Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinen andern zu“ missachten wir jeden Tag dutzende Mal. Wir zerstören Ökosysteme. Wir vernichten Zukunft. Wie können wir in dieser Situation der Menschlichkeit noch eine Zukunft geben?

Wir wissen, dass wir Systeme verändern müssen. Wir müssen bei Wahlen die Parteien wählen, bei denen Klimaschutz wirklich im Programm verankert ist und nicht nur als Floskelwolke für Sonntagsreden herhalten muss. Wir werden als Zivilgesellschaft Entscheidungen mittragen müssen, die uns selber auch Zumutungen abverlangen werden. All das wissen wir und ohne diese Instrumente wird die Menschheit an ein Ende kommen.

Doch das wird nicht reichen.

Wir müssen sofort und entschlossen handeln, wenn wir als menschliche Zivilisation auf diesem Planeten überleben wollen. Innerhalb weniger Jahre könnte das Erdklima aufgrund von ungebremstem Treibhausgasausstoß Kipppunkte erreichen, so dass Temperaturerhöhungen jenseits von 4 bis 5 Grad noch in diesem Jahrhundert wahrscheinlich werden. Damit wäre der Kollaps der Zivilisation eine wahrscheinliche Möglichkeit.

Sofortiges und entschlossenes Handeln kann in einer demokratischen Gesellschaft nur eine individuelle Tat sein. Nur die eigene, persönliche Verhaltensänderung ist in der Lage, unmittelbar zu einer Verbesserung der Lage beizutragen, also Treibhausgase zu reduzieren. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Dies ist der Grundsatz der Ethik des Königsberger Philosophen Immanuel Kant. Die uns geläufige, volksmündliche Übertragung ist bereits genannt worden. Diese ethische Grundlage ist wesentlicher Bestandteil unseres Verständnisses, wie wir als Gesellschaft im Alltag miteinander umgehen sollten. Es ist ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens, der aber über die Jahre immer mehr an Bausubstanz eingebüßt hat. Dieser Grundpfeiler muss nun restauriert werden. Wir müssen uns die Frage stellen:

Spiegeln sich in meinen alltäglichen Handlungen meine Werte wieder?

Bringen meine Art zu essen und mich fortzubewegen, meine Kleidung und mein Konsumverhalten die Grundlagen der Ethik zum Ausdruck, die unsere Gesellschaft zusammengehalten hat? Sind wir in der Lage, unser Leben an kleinen Stellen SOFORT zu ändern, um JETZT die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren? Es geht dabei nicht um die Anschaffung einer Solaranlage oder den Kauf eines Elektroautos. Es geht um die Änderung, die MORGEN im Leben eines jeden einzelnen von uns stattfinden kann:

  • Kein Verzehr tierischer Produkte vor dem Abendbrot – denn fleischarme Ernährung fördert auch die persönliche Gesundheit.
  • Keine Autofahrten unter zwei Kilometer – denn vermehrte Bewegung zu Fuß oder mit dem Rad fördert die persönliche Gesundheit.
  • Keine Einkäufe aus Langeweile und zur Frustbewältigung – denn der auf das notwendige reduzierte Konsum schont auch den Geldbeutel.
  • Brot und Brötchen werden im eigenen Stoffbeutel nach Hause getragen – denn die Vermeidung von Papiertüten spart Ressourcen.

Das ist alles? Nein, das ist nicht alles. Aber es ist der erste Schritt auf dem Weg, die Katastrophe zu verhindern und ein Stück Menschlichkeit wieder zurück zu gewinnen durch die eigene Entscheidung für persönliche Maßnahmen, die sofort die Emissionen von Treibhausgas reduzieren. Damit wäre dieser Text gegen die Vernichtung von Menschlichkeit eigentlich an sein Ende gekommen. Denn all die oben beschrieben Schrecknisse und die wahrscheinliche Möglichkeit einer Erde mit beschleunigtem Klimawandel dienen letztendlich dazu, zur Umsetzung dieser Verhaltensänderungen zu motivieren.

Aber es gibt noch einen Nachfolge-Aspekt. Nicht nur das Weltklima hat Kipppunkte, auf die wir gerade zusteuern. Auch eine Gesellschaft weist derartige Punkte aus, an denen aus dem Verhalten weniger ein gesellschaftliches Handlungsmuster wird. Und genau darum geht es. Die pflanzliche Ernährung, die Nutzung von Fahrrädern, der bewusste Konsum und das Schonen von Ressourcen müssen gesellschaftlich verankert werden wie der Sonntagsspaziergang, der Geburtstagskuchen und der ‚Tatort‘-Sendeplatz. Wird aus persönlichen Verhaltensänderungen eine gesellschaftliche Neuausrichtung, sind Veränderungen bis hinein in industrielle Produktionsabläufe und Wertschöpfungsketten erforderlich. Und genau das müssen wir erreichen.

Wir können also jetzt beginnen, der Menschlichkeit eine Zukunft zu verschaffen. Worauf warten wir eigentlich noch?

Nachwort:

Das ZDF berichtete ebenfalls über den letzten Klettertag am Uluru-Felsen in Australien. Ein älteres deutsches Ehepaar war am Ende des Beitrags zu hören. Der Mann berichtete, dass er mit seiner Frau gemeinsam an einer Informationsveranstaltung kurz vorher teilgenommen habe. Da sei ihnen klar geworden, welche Bedeutung dieser Berg als Heiligtum für die Ureinwohner hat. Daraufhin hätten sie entschieden, den Felsen nicht zu besteigen.

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