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Wie leben wir mit dem Klimawandel?

Zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung.

Anmerkungen zu einer Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse

Von Gerd Heistermann

Der Klimawandel war ein zentrales Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Am letzten Tag ging es weniger um die Fakten, Prognosen und Maßnahmen selbst, sondern um das, was sie mit uns machen: z.B. hilflos, wütend oder resigniert. Was die Frage aufwirft: Finden wir etwas in uns, was uns den Mut zum Handeln gibt?

Podiumsdiskussion Frankfurter Buchmesse 2019
v.l.n.r.: Prof. Uwe Schneidewind, Thore D. Hansen, Luisa Neubauer und Michael Müller
Foto: Gerd Heistermann

An der Diskussion nahmen folgende Personen teil: Der Politikwissenschaftler und Autor der Dystopie „Die Reinsten“, Thore D. Hansen, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, Ex-MdB und Ex-Staatssekretär Michael Müller (SPD) und der Wirtschaftswissenschaftler, Transformationsforscher und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, Prof. Uwe Schneidewind.

Nach allem, was wir wissen, steuern wir auf eine humanistische Katastrophe zu, war sich das Podium einig. Dabei schienen wir auf einem guten Weg zu sein: In einer Sendung im SWR 2 vor zehn Jahren sagte der Chef des Energieversorgers Vattenfall zu der Frage, ob wir die Kehrtwende mit 90 Prozent weniger Emissionen bis 2050 erreichen können: „Ja, das ist machbar.“ Und Ex-Umweltminister Töpfer fügte damals hinzu: „Das wird auch so kommen.“ Wir glaubten mehr oder weniger an die Absichtserklärungen der Politiker und die Beschlüsse von Paris, dass unser Staat den Artikel 20a des Grundgesetzes ernst nimmt und „in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen“ schützt. Doch offenbar wurde nicht das getan, was dem Ausmaß der Bedrohung gerecht wird.

Das Podium sah ziemlich schwarz in die Zukunft: Nichts deute darauf hin, dass die Kehrtwende noch schnell genug gelingt, um die Emissionen rechtzeitig, das heißt in zwölf Jahren, komplett auf 0 zu reduzieren. Waren bisher Wirtschaftswachstum und Wohlstand unantastbare Ziele, müssten wir jetzt erkennen, so Michael Müller, dass „die Grundidee von Fortschritt und Wachstum nicht mehr funktioniert!“ Eine Wende zum Besseren vermöge er aber kaum zu erkennen, resignierte Müller, zu groß seien die Ängste vor Veränderung dessen, was uns bislang so viel bedeutet habe. „Und die Reaktion fährt jetzt alles auf, um die notwendigen Veränderungen zu verhindern“, erwartet Müller zunehmenden Gegenwind für die Akteure, die sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen einsetzen. Das seien die Geburtsschmerzen einer neuen Welt, die wir gerade erleben würden.

Dabei werden wir ihr in Europa wohl nicht die Hauptleidtragenden des Klimakollapses sein, obwohl wir zu den Hauptverursachern gehören, zeigte sich das Podium selbstkritisch. Die Folgen des Klimawandels würden in der südlichen Hemisphäre deutlich drastischer ausfallen als hier und dort zunehmend auch das Überleben der Menschen gefährden. „Billigen wir allen Menschen auf der Erde das Überleben zu?“ fragte man sich. Wie wichtig ist uns die globale Gerechtigkeit, wenn wir nicht einmal uns selbst schützen wollen?

Dabei werden die Klimafolgen weiter eskalieren, selbst dann, wenn wir die Emissionen rechtzeitig stoppen können. Denn was wir jetzt erleben, sind erst die Auswirkungen der Emissionen der 80er Jahre. Damals vor der Wende hatte auch die CDU die Schöpfung mit ernsthaften Maßnahmen bewahren wollen, erinnerte sich Michael Müller. Doch als ein Anruf aus der Wirtschaft kam, habe Helmuth Kohl die Klimaschutzpläne umgehend gestoppt. Mit dem Ergebnis, dass sich die Emissionen seit ´92 noch einmal verdoppelt haben.

Optimistisch, dass wir den Wandel schaffen und die Emissionen rechtzeitig ausreichend reduzieren, war kein Teilnehmer mehr auf dem Podium. Es gebe allen Grund, hoffnungslos zu sein. Die Hoffnungen auf eine neue Technologie oder die heilenden Kräfte des Marktes seien trügerisch, sagte Luisa Neubauer, ein führender Kopf der „Fridays for Future“-Bewegung. Trotzdem gebe sie nicht auf. Sie bezeichnet sich als Possibilistin, weil sie noch Möglichkeiten sieht und Lösungen für machbar hält. Wirklich werden sie aber nur, wenn wir sie erkämpfen und unsere Komfortzone verlassen: „Wenn wir wirklich wollen, geht viel!“ appellierte sie an den Kampfgeist der zahlreichen Zuhörer, die nicht mit Applaus sparten.

Sowohl Optimisten als auch Pessimisten haben beide keinen Grund, etwas zu tun. Für einen dritten Weg zitierte Schneidewind den tschechischen Dramatiker, Menschenrechtler und Politiker Václav Havel: „Hoffnung ist eben nicht Optimismus, es ist nicht der Glaube, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“ Und Sinn mache es wie kaum etwas anderes, sich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen einzusetzen. Und das könne sogar Freude machen! Schneidewind skizierte die Idee einer neuen Zukunftskunst. Darunter verstehe er die lustvoll-kreative Umgestaltung unserer Arbeitswelt und Konsumkultur. Dazu müssten wir uns aus der scheinbar alternativlosen Logik der Verwertungszwänge lösen und unsere inneren Potentiale aktivieren.

Für Luisa Neubauer gehört auch unsere Fantasie dazu. Sie plädierte für „imaginative Streckübungen“, wie es einmal Günter Anders genannt hatte, um unsere verkümmerte Vorstellungskraft zu trainieren. Dazu gehöre z.B. die Frage: Wer wirst Du gewesen sein, wenn du später einmal auf dein Leben zurückblicken wirst? Und was werden wir unseren Kindern und Enkeln sagen, was wir getan haben, um den drohenden Klimakollaps abzuwenden?

In der Geschichte hätten es die Menschen einmal geschafft, den Wert der menschlichen Würde über ihre wirtschaftlichen Interessen zu stellen: Als in Amerika die Sklaverei abgeschafft wurde. Sie wurde damals aufgeben, weil sie moralisch nicht mehr zu verantworten war. Ob wir über die Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen auch einmal so denken (und darauf verzichten) werden? Wenn wir diesen Wert der Würde auch unserer Mitwelt wirklich für uns entdecken können, könnte uns das sehr stark machen, denke ich.

Fast alles hänge jetzt von der sog. schweigenden Mehrheit der Bevölkerung ab. Werden sich die Menschen trotz ihres Stresses dem Thema öffnen können und sich damit belasten wollen? Können wir einander helfen, aus der Zwangsjacke unserer Ängste und der Systemzwänge herauszukommen, ohne uns gegenseitig zu beschuldigen? Mit Moralisierungen und Schuldzuweisungen werde man die Menschen nur verprellen, war sich das Podium einig.

Vielleicht gelinge es uns, wieder gemeinsam groß zu denken und zu erträumen, wie „eine bessere Welt aussehen und sich wirkliches Wohlergehen anfühlen wird“, in der die Natur gepflegt wird und die Menschen viel freundlicher miteinander umgehen. Denn nur mit großen Visionen und großem Mut trauen wir uns, die großen Herausforderungen anzugehen. Markt oder Technologie werden uns nicht retten, das müssen wir schon selbst tun, war das Fazit der Diskussion.

PS: Wenn man Mut habe, brauche es für eine Verkehrswende vor Ort „eigentlich nur einen Eimer Farbe“, so Prof. Uwe Schneidewind. Kurzerhand könne man von zwei Straßen in die gleiche Richtung eine für die Autos sperren und sie nur den Fahrrädern vorbehalten.

Buchempfehlungen

Buch Luisa Neubauer: Vom Ende der Klimakrise
VOM ENDE DER KLIMAKRISE
Von Luisa Neubauer
ISBN 3608504559
Buch Michael E. Mann und Tom Toles
TOLLHAUSEFFEKT
Von Michael E. Mann und Tom Toles
ISBN 393363446
Buch Die Schönere Welt die unser Herz kennt ist möglich - Von Charles Eisenstein - 3943416763
DIE SCHÖNERE WELT DIE UNSER HERZ KENNT IST MÖGLICH
Von Charles Eisenstein
Möglich ist diese Welt, wenn wir in Resonanz mit dem Leben kommen, statt es weiterhin ängstlich beherrschen zu wollen und es damit ruinieren.
ISBN 3943416763
Buch Die grosse Transformation - Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels - Von Klaus Wiegandt 3596702593
DIE GROSSE TRANSFORMATION
EINE EINFÜHRUNG IN DIE KUNST GESELLSCHAFTLICHEN WANDELS
Von Klaus Wiegandt
Der Prof. für Innovationsmanagement beschreibt, warum technologische und ökonomische Veränderungen allein nicht ausreichen für einen Wandel, wenn sich unsere Haltung nicht ändert.
ISBN 3596702593
Buch Alles wird anders - Das Zeitalter der Ökologie - Von Bernd Ulrich - 3462053655
ALLES WIRD ANDERS
DAS ZEITALTER DER ÖKOLOGIE
Von Bernd Ulrich
Der stellv. Chefredakteur der ZEIT untersucht, warum unsere kleinschrittige Art Politik zu machen nicht mehr zur Größe der Probleme passt.
ISBN 3462053655
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KOMPASS NEUES DENKEN
WIE WIR UNS IN EINER UNÜBERSICHTLICHEN WELT ORIENTIEREN KÖNNEN
Von Natalie Knaupp
Für die Philosophin sind gelingende Beziehungen zu uns, anderen und zum Leben selbst der Schlüssel zu kreativen Ideen und damit einer besseren Zukunft.
ISBN 3499627957

Gerd Heistermann

Langjähriger Chefredakteur von Radio Lippewelle Hamm. Als Herausgeber des MacherMagazin engagiert ich mich für eine Umgangskultur der Potentialentfaltung, durch die wir kreativer, empathischer und couragierter werden können und so bessere Lösungen für eine gute gemeinsame Zukunft finden. Diese Fähigkeiten stecken in jedem Menschen, aber keine Macht der Welt kann sie anweisen oder gar anordnen. Sie können nur wachsen, wenn wir uns gegenseitig einladen, ermutigen und inspirieren. Ich sehe darin die große Chance für einen Humanisierungsschub für unsere Gesellschaft. Mehr dazu auf gerd-heistermann.de

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