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Wind of Change?

In der Woche vor den weltweit größten Protesten für mehr Klimaschutz hat sich die Wissenschaft zu Wort gemeldet. In einem bewegenden Appell unterstützen über 16.000 (Stand 13.03.2019) (Update 14.03.2019: 19.000)  Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Jugendbewegung #FridaysForFuture/Klimastreik. Und die Politik? Sie lindnert.

Man mag sich gar nicht vorstellen, was gerade in dem Büro des Social-Media-Teams von Christian Lindner passiert: Werden die übergroßen Porsche-Plakate hastig von den Wänden gerissen, werden Flugtickets nach Thailand verbrannt, müssen die Bot-Maschinen ein Jahr lang vegan betrieben werden? Jedenfalls kann der professionellen Narzisst, Selbstdarsteller und nebenberufliche FDP-Chef für sich verbuchen: Seit langen ist es keinem Politiker gelungen, sich derart laienhaft der Lächerlichkeit preiszugeben.

Denn die Zahlen und die Nachrichten sprechen eine deutliche Sprache am Tag vor dem größten Klimaprotest aller Zeiten. In über 100 Ländern in mehr als 1500 Städten beteiligen sich Schülerinnen und Schüler an dem Streik. Nur zur Erinnerung: Ausgelöst wurde die Kampagne durch ein sechzehnjähriges Mädchen aus Schweden.

Sollte es in 100 Jahren noch SoziologInnen und PolitikwissenschaftlerInnen geben – man kann sich vorstellen, mit welcher Verwunderung diese sich über die historischen Dokumente aus dem Frühjahr 2019 beugen werden, um festzustellen: Spätestens jetzt hat ein dysfunktionales System sich selbst entlarvt.

Bernd Ulrich schreibt dazu in der aktuellen Ausgabe der Zeit:

„Was nämlich die Bundesregierung gerade tut beziehungsweise unterlässt, ist ein ausgemachter politischer Skandal“

Entwicklung des atmosphärischen Kohlendioxidanteils nach „World Scientists’ Warning to Humanity: A Second Notice“ 2017

Ulrich weist in seinem Leitartikel wie viele andere darauf hin, dass bis heute die Koalition aus CDU, CSU und SPD darüber schweigt, was die Unterzeichnung des Pariser Klimaschutzabkommen tatsächlich bedeutet: eine „mittlere Revolution unserer Lebens- und Produktionsweise“. Und damit schließt sich der Kreis zu Christian Lindner, der FDP und ganz am rechten Rand auch zu den massiven Klimaleugnern. Diese gesellschaftlichen Gruppen weigern sich, die Realität als solche wahrzunehmen aufgrund der Unfähigkeit, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszutreten und die eigenen ideologischen Scheuklappen abzulegen.

Die Verweigerung von Klimaschutz ist damit auch eine Rückabwicklung von Aufklärung und Fortschritt.

Was die Scientists4Future nun dargelegt haben, ist derart erschreckend, dass man verzweifeln mag: Seit Jahrzehnten bemüht sich die Forschung, den Politikerinnen und Politikern die heraufziehende Katastrophe zu erklären – und fordert wirksame Maßnahmen ein. Alles bisher vergeblich. Der Ausstoß von Klimagasen nimmt unaufhörlich zu.

Und auch jetzt noch wird mit allzu schmutzigen Kampagnen die Bewegung #FridaysForFuture attackiert. Doch Argumente hat dieser müffelnde Bocksgesang schon lange nicht mehr aufzubieten. Stattdessen werden Lügen und Falschnachrichten verbreitet, um eben keine Sachdiskussion führen zu müssen. Letztendlich hat dieses Verhalten wesentlich dazu beigetragen, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun Seite an Seit stehen mit der Jugend der Welt.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass all diese Energie nicht zu spät freigesetzt wird. Was vor wenigen Jahren wie eine ferne, irreale Zukunft ausgesehen hatte, wurde ja im Sommer 2018 zu einer verdrückenden Realität. Diese Realität hat die Haltung der Jugend zum Klimawandel verändert. Wo der Kampf um den Hambacher Forst sich zu einem Fest des Protestes ausdehnte, scheint sich der Klimastreik zu einem Festival des Widerstandes aufzubäumen.

Und darum wird es in den kommenden Monaten gehen: Immer wieder Haltung zeigen, den Rücken durchzudrücken, dem Gegenwind zu trotzen, um mit Beharrlichkeit weiter zu kämpfen.

Denn: Es geht um alles.

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